Wieder einmal hat die FIDE die Regularien für die Qualifikation zum Kandidatenturnier – dem Qualifikationstunier zur Weltmeisterschaft – geändert. Der Platz für den Spieler mit der höchsten Elozahl wurde nach den durchwachsenen Erfahrungen mit der Qualifikation von GM Nakamura abgeschafft (wir erinnern uns, um die geforderte Aktivität nachzuweisen, spielte er unterklassige Turniere). Schon im Zyklus davor war ja auch das Recht des WM-Verlierers auf den Einstieg ins Kandidatenturnier des Folgezyklus ebenfalls abgeschafft wurden, was ich für etwas zu streng hielt. Nun zählt nur noch die Qualifikation – die sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen über vier Wege erreicht werden kann:

In Worten:
Qualifikation zum FIDE-Kandidatenturnier der Männer 2028
Acht Spieler qualifizieren sich über folgende Wege:
- 2 Spieler über den FIDE Grand Swiss 2027
- 2 Spieler über die FIDE Total Chess World Championship Tour 2026–2027
- 2 Spieler über den FIDE World Cup 2027
- 2 Spieler über den FIDE Circuit 2026–2027
Qualifikation zum FIDE-Kandidatenturnier der Frauen 2028
Acht Spielerinnen qualifizieren sich über folgende Wege:
- 2 Spielerinnen über den FIDE Women’s Grand Swiss 2027
- 2 Spielerinnen über den FIDE Women’s Grand Prix 2026–2027
- 2 Spielerinnen über den FIDE Women’s World Cup 2027
- 2 Spielerinnen über den FIDE Women’s Circuit 2026–2027
Die FIDE führt dazu folgendes aus: „Diese Änderungen wurden sorgfältig ausgearbeitet, um den Qualifikationsprozess ausgewogener, transparenter und stärker an den sportlichen Leistungen auszurichten. Mit der Einführung der Total Chess World Championship Tour als neuem Qualifikationsweg, der Anpassung der über den World Cup vergebenen Startplätze und einer stärkeren Gewichtung der im Weltmeisterschaftszyklus erzielten Ergebnisse stellen wir sicher, dass jeder Weg ins Kandidatenturnier dauerhaft herausragende Leistungen auf höchstem Niveau belohnt.“
Positiv ist festzuhalten, dass die Qualifikationswege bei Frauen und Männern völlig gleich sind.
Eins ist nun aber sicher: auf seinen Erfolgen kann man sich nicht mehr ausruhen, auch wer bei den Männern Elo 2800 hat oder bei den Frauen Elo 2600, der oder diejenige muss jetzt den Weg über die Qualifikation gehen. Man kann das natürlich gut oder schlecht finden.
Manchmal denke ich mir, man müsste einfach nur die ersten acht der beiden Weltranglisten einladen, vorausgesetzt sie spielen noch aktiv, und abzüglich derer, die nicht mehr teilnehmen möchten, dann könnte man sich das ganze komplizierte Qualifikationssystem sparen. Aber so ist es natürlich demokratischer: auch ein Underdog erhält so die Chance auf Qualifikation. Nur gibt es ja die Elozahlen nicht umsonst, und wer im Kandidatenturnier spielt, sollte eigentlich schon mindestens 2750 Elo haben, um dort bestehen zu können.
Ein weiterer Einwand lautet, dass in einem Schweizer System-Turnier nicht immer der beste vorne liegt, und dass es oft zu punktgleichen Spielern kommt. Aber ich will natürlich nicht behaupten, dass ich schlauer als die FIDE bin…
„Völlig gleich“ sind die Qualifikationswege bei Frauen und Männern nicht. Zwar sind Weltcup und Grand Swiss vergleichbar. Aber die Grand Prix Serie sind Rundenturniere mit echt klassischer Bedenkzeit (gab es bei den Männern auch mal, dann wurde mit verschiedenen anderen Formaten experimentiert, dann wurde die Serie abgeschafft). Total Chess World Championship (neueste Idee von Norway Chess um Carlsen zu motivieren und FIDE macht da mit) ist dagegen fast classical (45+30), Schnell- und Blitzschach und am Ende KO-Format. Der Women’s Circuit (nur eine Handvoll Turniere) ist auch nicht vergleichbar mit dem FIDE Circuit im Prinzip für alle. Es gibt relativ wenige Frauenturniere – wer da Einladungen bekommt ist klar im Vorteil – und daneben offizielle FIDE events. In Opens (Teil des FIDE Circuit) werden Frauen sehr selten bis nie Circuit-Punkte erobern.
„man müsste einfach nur die ersten acht der beiden Weltranglisten einladen“ – erstens kann es dann zwischen Platz 8 und Platz 9 (oder wo auch immer die Grenze wäre) sehr eng werden, ein zwei fünf Elopunkte können entscheiden. Zweitens würden nicht nur Underdogs (z.B. Blübaum) außen vor bleiben, sondern auch aufstrebende Spieler die das Niveau zum Stichtag noch nicht ganz haben – im vorletzten Zyklus Praggnanandhaa, im noch laufenden Zyklus Sindarov (Keymer wäre wohl gerade rechtzeitig in der top10 angekommen aber bei einem Mittelwert über das gesamte Jahr 2025 auch chancenlos), im nächsten Zyklus vielleicht Erdogmus. „Das ganze komplizierte Qualifikationssystem“ hat schon seine Berechtigung, so sehe ich es.