Niklas Mörke leitet den AK Öffentlichkeitsarbeit der DSJ, ist sehr nett, schachbegeistert und probiert gerne neues aus – das ist sein letztes Werk!
Niemand kommt wegen der Mitgliederversammlung
Wie aus Schachspielern Ehrenamtliche werden
Am Anfang steht kein Amt, sondern ein Brett
Niemand wacht morgens auf und denkt: Heute trete ich in einen Schachverein ein, damit ich in zehn Jahren Protokolle schreibe, Mitgliedsbeiträge kontrolliere, Jugendturniere betreue und beim Sommerturnier Würstchen grille.
So funktioniert Ehrenamt nicht.
Die meisten kommen aus einem deutlich unspektakuläreren Grund in den Schachverein: Sie wollen Schach spielen. Oder sie sollen Schach spielen, weil ihre Eltern sie angemeldet haben. Oder weil sie gerade ein Hobby suchen und nach Fußball, Handball, Kanu, Tischtennis und drei anderen Versuchen plötzlich bei 64 Feldern landen.
Am Anfang steht fast nie Verantwortung.
Am Anfang steht ein Brett.
Dann sitzt man da, vielleicht mit der festen Überzeugung, Schach bereits verstanden zu haben, weil man ein paar Aufgaben gelöst, gegen den Computer gewonnen oder ein Lernprogramm durchgespielt hat. Und dann kommt man in den Verein und merkt: Okay. Das Spiel ist doch etwas größer als gedacht.
Da sind Leute, die Eröffnungen kennen. Leute, die Endspiele erklären können. Leute, die nach einer verlorenen Partie nicht einfach den Laptop zuklappen, sondern noch eine Stunde analysieren. Und vor allem sind da Menschen, die freiwillig ihre Zeit investieren, damit andere besser werden, Turniere spielen können oder einfach einen Ort haben, an dem sie gerne sind.
Ehrenamt beginnt selten mit einer Wahlversammlung
Genau da beginnt Ehrenamt.
Nicht mit einer Wahlversammlung.
Nicht mit einem Vorstandsbeschluss.
Nicht mit dem Satz: „Ich möchte Funktionär werden.“
Ehrenamt beginnt viel häufiger mit dem Gefühl: Irgendjemand hat das damals für mich gemacht. Vielleicht sollte ich irgendwann auch etwas zurückgeben.
Das klingt pathetischer, als es im Alltag ist. Meistens beginnt es nämlich nicht mit großen Reden, sondern mit kleinen Aufgaben. Mal beim Jugendtraining helfen. Mal Kinder zu einem Turnier begleiten. Mal einen Bericht schreiben. Mal beim Aufbauen mit anfassen. Mal die Ergebnistabelle pflegen. Mal Brötchen schmieren, Pokale sortieren oder schauen, ob wirklich alle Bretter Uhren haben.
Niemand nennt das am Anfang Karriere.
Und trotzdem ist es oft genau das: der erste Schritt in eine ehrenamtliche Laufbahn.
Bitte nicht direkt den ganzen Verein retten
Das Problem vieler Vereine ist nicht, dass niemand helfen würde. Das Problem ist häufig, dass Ehrenamt zu spät gedacht wird. Dann wird nicht gefragt: „Worauf hast du Lust?“ Sondern: „Wir brauchen dringend jemanden, sonst bricht hier alles zusammen.“
Das ist ungefähr so charmant wie eine Einladung zur Steuerprüfung.
Natürlich schreckt das ab.
Wer junge Menschen für Ehrenamt gewinnen will, sollte sie nicht direkt mit dem ganzen Verein beladen. Niemand wird motiviert, wenn die erste Aufgabe lautet: „Hier sind 40 Jahre Vereinsstruktur, viel Spaß beim Retten.“ Besser ist: ein konkretes Projekt, eine überschaubare Aufgabe, echtes Vertrauen.
Organisiere einen Teil des Turniers.
Hilf beim Catering.
Fahr mit zur Meisterschaft.
Mach die Social-Media-Story.
Übernimm beim Jugendtraining eine kleine Gruppe.
Und dann: machen lassen.
Auch wenn es nicht perfekt wird. Vielleicht wird zu viel eingekauft. Vielleicht fehlt irgendwo ein Schild. Vielleicht sieht der Turnierbericht anders aus als früher. Vielleicht ist genau das gut.
Wer Nachwuchs will, muss neue Ideen aushalten
Denn viele Vereine suchen gar nicht wirklich junge Ehrenamtliche. Sie suchen junge Menschen, die alte Aufgaben genauso erledigen wie die Generation davor. Das funktioniert selten. Wer Nachwuchs will, muss auch neue Ideen aushalten.
Ehrenamt braucht Vertrauen. Und manchmal auch die Bereitschaft, nicht jeden Fehler zu verhindern.
Gleichzeitig wird oft unterschätzt, wie viel Arbeit hinter einem Schachverein steckt. Von außen sieht man den Spielabend. Man sieht Mannschaftskämpfe, Vereinsmeisterschaften, Jugendtraining, vielleicht ein Sommerturnier. Was man nicht sieht: die Mails, die Anmeldungen, die Abrechnungen, die Zuschüsse, die Fahrten, die Elternkommunikation, die Schlüsselübergaben, die Fristen, die Meldungen an Verbände, die Kontobewegungen, die Ergebnislisten.
Wenn alles läuft, merkt es niemand
Ein Jugendtraining ist eben nicht nur Freitag von 17:30 bis 19:00 Uhr.
Es ist Vorbereitung. Es ist Verlässlichkeit. Es ist manchmal ein ganzer Freitagabend. Es sind Wochenenden in Turnierhallen. Es ist die Frage, wer fährt, wer betreut, wer tröstet, wer motiviert, wer erklärt, warum eine Niederlage nicht das Ende der Welt ist.
Und dann gibt es noch die Aufgaben, die wirklich niemand bemerkt, solange sie funktionieren.
Kassenwart? Fällt erst auf, wenn etwas nicht stimmt.
Mitgliederverwaltung? Fällt erst auf, wenn jemand falsch gemeldet ist.
Turnierorganisation? Fällt erst auf, wenn die Paarungen nicht kommen.
Pressearbeit? Fällt erst auf, wenn niemand über das Turnier spricht.
Ehrenamt ist oft unsichtbar, bis es fehlt.
Die One-Man-Show ist keine Zukunftsstrategie
Früher wurden viele Vereine von Menschen getragen, die einfach alles gemacht haben. Die als Erste da waren, als Letzte gingen, die Tische schleppten, Schlüssel hatten, Beiträge im Blick behielten, Turniere organisierten und nebenbei noch wussten, wer welche Uhr kaputt gemacht hatte. Solche Menschen sind Gold wert.
Aber sie sind auch ein Risiko.
Denn wenn ein Verein nur funktioniert, weil eine Person alles zusammenhält, dann funktioniert er eigentlich nicht stabil. Dann wartet er nur darauf, dass diese eine Person irgendwann nicht mehr kann.
Die Zukunft des Ehrenamts liegt deshalb nicht in der nächsten One-Man-Show. Sie liegt in Teams. In kleinen Zuständigkeiten. In Projekten. In der Idee, dass nicht eine Person alles machen muss, sondern viele Menschen etwas.
Sichtbarkeit ist kein Ego-Trip
Dafür braucht es auch Sichtbarkeit.
Ja, es gibt die stillen Helferinnen und Helfer im Hintergrund. Ohne sie läuft nichts. Aber Ehrenamt darf nicht nur im Verborgenen stattfinden. Wer organisiert, betreut, trainiert oder Verantwortung übernimmt, darf auch gesehen werden. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil Sichtbarkeit zeigt: Hier passiert etwas. Hier engagieren sich Menschen. Hier kann man mitmachen.
Ein Verein braucht beides: Menschen, die im Hintergrund zuverlässig arbeiten, und Menschen, die nach außen Gesicht zeigen. Die eine Siegerehrung machen. Die mit der Presse sprechen. Die erklären, warum ein Turnier mehr ist als sieben Runden Schweizer System.
Schachvereine sind Verantwortungsschulen
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Schachvereine sind nicht nur Orte, an denen Schach gespielt wird. Sie sind Orte, an denen Menschen Verantwortung lernen.
Man lernt, pünktlich zu sein. Man lernt, dass andere sich auf einen verlassen. Man lernt, mit Kindern, Eltern, Senioren, starken Spielern, schwachen Spielern, schwierigen Charakteren und schlecht gelaunten Blitzspielern umzugehen. Man lernt, dass Organisation nie so einfach ist, wie sie von außen aussieht.
Und man lernt, dass Ehrenamt Arbeit ist.
Aber eben nicht nur Arbeit.
Es ist auch Gemeinschaft. Gestaltung. Erfahrung. Man lernt Menschen kennen, die man sonst nie getroffen hätte. Man erlebt Turniere nicht nur als Spieler, sondern als Teil eines größeren Ganzen. Man sieht, wie Kinder besser werden, wie Jugendliche Verantwortung übernehmen, wie ein Verein wächst oder zumindest nicht auseinanderfällt.
Das bekommt man zurück.
Nicht als Gehalt.
Aber als Gefühl, dass es einen Unterschied macht, ob man da ist.
Man kommt wegen des Spiels und bleibt wegen der Menschen
Deshalb ist der Satz „Ohne Ehrenamt würde nichts laufen“ zwar oft benutzt, aber trotzdem wahr. Ohne Ehrenamt gäbe es keine Jugendtrainings, keine Vereinsmeisterschaften, keine Mannschaftskämpfe, keine Turnierfahrten, keine Berichte, keine geöffneten Vereinsräume und vermutlich sehr viele ungespielte Partien.
Die gute Nachricht ist: Ehrenamt muss nicht groß anfangen.
Es reicht, irgendwo anzufangen.
Beim Aufbauen.
Beim Fahren.
Beim Schreiben.
Beim Erklären.
Beim Dabeibleiben.
Denn die meisten Ehrenamtlichen im Schach sind nicht als Ehrenamtliche gekommen. Sie kamen wegen des Spiels. Geblieben sind sie wegen der Menschen. Und irgendwann wurden sie selbst zu denen, die dafür sorgen, dass andere bleiben.
Am Ende ist das vielleicht die schönste Pointe des Schachsports:
Man denkt, es geht um Figuren.
Dabei geht es die ganze Zeit um Menschen.
Schach ist der Vorwand.
Hinweis zum Format
Dieser Text ist das inhaltliche Ergebnis der ersten Podcast-Testfolge von Six-Four – Schach ist der Vorwand. Host des Formats ist Niklas Mörke, Öffentlichkeitsreferent der Deutschen Schachjugend.
Für die erste Testfolge wurde ein Gespräch mit künstlicher Intelligenz geführt: Die KI stellte Fragen, die Antworten entstanden frei gesprochen. Das Gespräch wurde anschließend transkribiert. Aus diesem Transkript wurde mithilfe von KI die vorliegende Kolumne erstellt, redaktionell zugespitzt und in eine lesbare Form gebracht.
Six-Four soll künftig in zwei Formen erscheinen: als normaler Podcast zum Hören – mit Gesprächen, Gästen und Geschichten aus der Schachwelt – und zusätzlich als Kolumne, die aus den jeweiligen Transkripten entsteht. So sollen Gedanken aus dem Gespräch noch einmal pointiert, lesbar und eigenständig aufbereitet werden.
Der Gedanke dahinter bleibt derselbe: Schach ist der Ausgangspunkt. Aber die eigentlichen Geschichten passieren oft neben dem Brett.
Six-Four – Schach ist der Vorwand.