Symbolbild Seniorenschach. Quelle: gemini KI
Mit großem Erstaunen blickte der Autor dieser Zeilen auf diverse aktuelle Ausschreibungen von Seniorenturnieren, und dort die angegebene Altersgrenze (hinter den Schrägstrichen):
Offene Sächsische Senioren-Einzelmeisterschaft // 50+
Offene Bremer Senioreneinzelmeisterschaft // Carl-Carls-Memorial // M58+ ; F53+
Offene Senioren Landes-Einzelmeisterschaft Brandenburg // M60+ // F55+
Rheinland-Pfalz Senioren–Open // M60+ ; F55+
Offene Niedersächsische Seniorenmeisterschaft // 60+
Offene Bayerische Senioren-EM (Schachfestival Bergen) // 60+
Offene Baden-Württembergische Senioren Einzelmeisterschaft // 60+
Offene Thüringer Senioren Landeseinzelmeisterschaft // 50+ und 65+
Offene Senioreneinzelmeisterschaft des Landes Sachsen-Anhalt // 50+ und 65+
Deutsche Senioren-Einzelmeisterschaft // MF50+ und MF65+
Offene Senioreneinzelmeisterschaft von Schleswig-Holstein // M60+ und F55+
Offene Hamburger Seniorenmeisterschaft // 50+ & 65+
Offene Berliner Senioren-Einzelmeisterschaft // 65+
Nun zur Interpretation:
- Anders als die Deutsche Rentenversicherung, die zu einer einheitlichen Altersgrenze von früher 65, künftig 67 Jahren neigt, ist man in Bremen als Mann schon mit 58 Jahren Senior, als Frau dagegen schon mit frischen 53 Jahren. Eine erstaunliche Lebensleistung!
- Die Brandenburger und die Schleswig-Holsteiner sowie die Rheinland-Pfälzer betrachten dagegen einen 60-jährigen Mann und eine 55-jährige Frau als Seniorin. Verständlich, denn wir wissen ja alle, dass Frauen stärker altern als Männer….
- Grundvernünftig finden wir die Regelung in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern: mit 60 Jahren ist man Senior – egal ob Mann oder Frau! Zu diesem Zeitpunkt geht man statistisch gesehen auch ins letzte Lebensviertel!
- Doch die Regelung die sich weitgehend durchgesetzt hat, ist die (etwas gewöhnungsbedürftige) Regelung der FIDE und der ECU: die Jungsenioren beginnen ab 50 und die eigentlichen Senioren ab 65 Jahren. Manchmal wird dazu auch noch die Kategorie der Nestoren mit 75+ ausgeschrieben.
- Man fragt sich hierbei, wieso ein 50-Jähriger als Senior bezeichnet wird, denn er steht noch voll im Arbeitsleben, und hat noch über 15 Jahre bis zur Rente, jedenfalls in Deutschland. Im Alltagssprachgebrauch würde man einen 50-jährigen jedenfalls nicht als Senior bezeichnen, sondern als einen Mann in seinen besten Jahren. Hier spielt wohl rein, dass es mehr Teilnehmer gibt, wenn die Grenze künstlich nach unten gesetzt wird.
Doch wie steht eigentlich der Deutsche Schachbund zur Altersgrenze bei den Senioren?
Nach einem Beschluss der Seniorenkommission unter dem Vorsitzenden Helmut Escher von 2013 lautete die Regelung wie folgt:
„Nach einem Beschluss der ECU sollen ab 2014 Seniorenturniere in den zwei Alterskategorien von 50 – 65 Jahre und 65 und älter durchgeführt werden.
Die Seniorenkommission (des DSB) hat in der gerade stattgefundenen Sitzung Ende Januar einstimmig beschlossen diese Alterskategorien für die unter unserer Verantwortung in Deutschland stattfindenden Seniorenturniere an der bisherigen Altersgrenze mit dem 60.Lebensjahr bestehen zu lassen, ebenso die besondere Wertung für Nestoren ab dem 75.Lebensjahr.
Nach erfolgter Abstimmung mit dem Präsidium des DSB werden wir unsere offiziellen Deutschen Seniorenmeisterschaften deshalb auch weiterhin mit dem Eintritt des 60.Lebensjahres ausschreiben.
Die Landesverbände des DSB sind bei ihren Ausschreibungen ab 2014 aber nicht zwingend an die Altersentscheidung der Seniorenkommission gebunden.
Da die Seniorenreferenten der Landesverbände aber alle Mitglieder der Kommission sind, kann man davon ausgehen, dass auch die offiziellen geschlossenen und offenen Landesmeisterschaften der Landesverbände es beim Eintrittsalter von 60 Jahren belassen.
Es ist aber jedem Landesverband überlassen, nach welcher Regelung er sein Turnier durchführt. Die Ausführung von Privatturnieren ist jedem Veranstalter überlassen welche Altersgrenze für ihn geeignet ist.
Die Seniorenkommission würde sich freuen wenn auch andere Veranstalter von Seniorenturnieren es bei den bisherigen Altersgrenzen belassen würden.
Veranstalter von Turnieren die nach der neuen Regelung der ECU spielen, können ihre Erfahrung gerne an die Seniorenkommission weitergeben. Die Seniorenkommission wird solche Erfahrungen selbstverständlich in ihre künftigen Beratungen aufnehmen.“
Doch schon drei Jahre später, in 2017, änderte die Senorenkommission ihre Meinung:
„Anlässlich einer Tagung der Seniorenkommission des Deutschen Schachbundes am 05. Februar 2017 in Gladenbach/Hessen, wurde mehrheitlich beschlossen, die Vorgaben der FIDE bezüglich der Altersklassen im Seniorenschach im Deutschen Schachbund bei offiziellen Meisterschaften ab 2018 umzusetzen. Das bedeutet, das künftig die neuen Altersklassen 50+ und 65+ die Grundlage für die Klasseneinteilung im Seniorenschach bilden.
So werden ab 2018 die Deutsche Senioren-Einzelmeisterschaft, die Deutsche Senioren-Schnellschach-Einzelmeisterschaft sowie die Deutsche Senioren-Blitzeinzelmeisterschaft in den Altersgruppen 50+ bzw. 65+ ausgetragen.
Darüber hinaus werden die entsprechenden Mannschaftsmeisterschaften wie z.B. die Deutsche Seniorenmannschaftsmeisterschaft der Landesverbände in den Altersklassen 50+ und 65+ gespielt. Es bleibt den einzelnen Landesverbänden überlassen, wie sie ihre Turniere gestalten.“
Nun das war vor 9 Jahren, und bis heute gibt es einheitliche Altersgrenze bei den Senioren. Gelebte Vielfalt oder störrische Kleinstaaterei, das ist hier die Frage! Wenn man an einer Landesgrenze wohnt, dann kann es passieren, dass man in einem Bundesland als Senior spielberechtigt ist, und im anderen nicht!
Übrigens empfinden wir auch die Spanne von 50 bis 64 Jahren für die Jungseniorenzu lang – das sind 14 Jahre, die man als Jungsenior spielen kann. Hier wäre es aus unserer Sicht treffender, den Zeitraum von 55 bis 64 Jahren zu setzen, und ab 65 Jahren dann die eigentlichen Senioren.
Die Kritik ist völlig berechtigt. Spieler Anfang ihrer 50er sind körperlich und geistig noch weitaus mehr fit als die 60er, von denen viele schon von der Abnutzung durch Altern betroffen sind. Warum es nicht einfach bei 60, in vielen Ländern der Welt das Pensionsalter, belassen und „Altsenioren“ mit 70+ ansetzen?
Natürlich spielen wirtschaftliche Gründe bei den aktuellen Altersklassen eine Rolle. Mehr Teilnehmer, mehr Einnahmen, also wird sich nichts ändern.
Ich finde allerdings die Fragmentierung des Turnierschachs in zahlreiche Jugend- und Altersklassen eher bedauerlich. Schach war einmal das Spiel von 8-80, nun ist es u8; u10; … u18; Junioren, … Jungsenioren, Senioren, Nestoren – und meist alles nochmal in Mädchen- / Frauenklassen.
Noch störender als die willkürliche Einteilung der Altersgrenzen finde ich den föderalen Flickenteppich.
Sie nennen es „Seniorenturnier“, aber real handelt es sich um Üxy+ m/w/d Turniere.
Gründe gibt es hauptsächlich zweilerlei Art.
Der Ausschluss von jüngeren und somit stärkeren Spielern, insbesondere von underrated Jugendlichen.
Eine möglichst hohe Teilnehmerzahl, deshalb schon Ü50 und damit Startgeld Einnahmen.
Zusammengefasst, es geht um DWZ/ELO und um Geld.