Vielleicht sagt eine KI, dass dies ein chaotisch-unstrukturierter Beitrag ist oder wird – sei’s drum bis „mir doch egal“. Als Titelbild nehme ich das Logo der gesamten Veranstaltung, auch wenn die Startseite des Schachkickers das extreme Querformat nicht „würdigen“ kann. Thema dieses Beitrags wird das Open. Es gab auch ein kleines Frauenturnier, früher gab es in Dortmund auch Superturniere – das war einmal. Der Beitrag hat vielleicht zwei Leitmotive. 1) „Überall wird Schach gespielt, und sie können es auch“. 2) Bei Titelnormen gilt: es klappt oder knapp daneben ist vorbei. Natürlich betrachte ich das Turnier auch durch die deutsche Brille.
Das Teilnehmerfeld
Insgesamt waren es 208, am Ende dann etwas weniger. Darunter 94 aus Deutschland (knapp die Hälfte), 15 aus Indien (die sind überall dabei) aber auch 15 aus der Mongolei – die kompletten Nationalmannschaften (Damen und Herren) und noch einige mehr. Als nächstes dann 10 aus der relativ nahen Schweiz und 10 wohl wieder mit Anreise per Flugzeug aus den USA. Wiederum exotischer z.B. Neuseeland, Malaysia und Kirgisistan (wobei der wohl keinen Flieger brauchte). Dabei waren insgesamt 16 GMs. GM-Duelle gab es dann aber kaum, da immer auch IMs vorne mitmischten.
„Runde für Runde“ geht nicht, die frühen Runden waren ja auch noch nicht allzu aussagekräftig (wobei es schon in der ersten Runde an den ersten 12 Brettern 7 Remisen gab). Diagrammatisch werden es Kuriositäten und entscheidende Momente im Turnier einiger Spieler. Ich beginne mal mit einem, der später dann keine Hauptrolle mehr spielte – aus 3/3 wurde bei ihm 4/9:
Die frühen Abenteuer des Luka Schwitkowski

Runde 3: Bei IM Xie – FM Schwitkowski könnte ich das Diagramm auch einen halben Zug früher setzen – „Weiß am Zug verliert“. Es war relativ bekannte Bogo-Indische Theorie: 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 Lb4+ 4,Sbd2 0-0 5.a3 Le7 6.e4 d6 7.Le2 e5 8.dxe5 dxe5 9.Sxe5 Te8 10.0-0 a5. Generell wird e6-e5 dabei mit 7.-Sfd7 oder 7.-Sbd7 vorbereitet, statt es als Bauernopfer sofort zu spielen. Und 10.-a5 ist sehr selten. 11.b3?? war eine Neuerung für den Papierkorb, nach 11.-Dd4 konnte Weiß eigentlich bereits aufgeben, er zappelte noch ein bisschen und gab sich nach 23 Zügen geschlagen. Das war übrigens der Chinese IM Kaifan Xie, nicht der später noch erwähnte Neuseeländer IM Felix Xie.
Tags darauf hatte der Erkenschwicker Luka Schwitkowski dann eine längere Partie, nun das Diagramm vor dem Verlustzug:

Runde 4 FM Schwitkowski – IM Amilal Munkhdalai, Weiß am Zug. Der König muss nach a1 (oder den schwarzen a-Bauern verhaften), wie schafft man das? In der Partie kam 78.Ke5?? a4 79.Kd4 a3 80.Kc3 Ld1 0-1 – so also nicht! Richtig war (nur) 78.Ke3, dann analog zur Partie 78.-a4 79.Kd2 (der Läufer wird ignoriert) 79.-a3 80.Kc2. Auf 80.-Ld3+ den Läufer wieder ignorieren, 81.Kb3 nebst Kxa3. Erstaunlicher Blackout von Weiß mit noch 17 Minuten Bedenkzeit. Schwitkowski spielte danach im Turnier keine Hauptrolle, der mongolische IM übernahm so die alleinige Führung im Turnier. Tags darauf verlor er dann gegen GM Blübaum, später auch gegen GM Amar, aber 7/7 gegen Nicht-GMs und dadurch insgesamt 7/9 war kein schlechtes Ergebnis. Hoppla, ich greife den Ereignissen etwas voraus …. . Nun springe ich zu
Runde 8
Ein schwarzer Tag an den Spitzenbrettern, in Partien zwischen Spielern mit zuvor 6/7 oder 5,5/7 erzielte Schwarz 4/5 – zweimal konnte Weiß Remis halten, einmal war da mehr drin. Es lag auch daran, dass Schwarz in vier von fünf Partien nominell klar besser war, und nur ein Mongole dachte „mir doch egal“. Bei Brett 1 IM Xie – GM Amar (nun der Neuseeländer Felix Xie) und Brett 3 IM Yu Tian Poh – GM Ganguly (Weiß aus dem fernen bzw. verglichen mit Neuseeland nahen Malaysia) stand Weiß zunächst nur leicht schlechter. In der ersten Partie die Entscheidung dann direkt nach der Zeitkontrolle, in der zweiten endgültig erst ab dem 70. Zug.
An Brett 2 war Weiß dagegen Favorit, aber ….

GM Blübaum – IM Chinguun nach 38.Td1 – Turm hinter den d-Freibauern aber es gibt wichtigere Aspekte (Es gab dabei für Weiß nichts besseres). Es folgte 38.-T8c3!? 39.d6 Txf2+ 0-1. Hatte Schwarz dieses „Qualitätsopfer“ zuvor nicht gesehen, oder wollte er den Gegner auf die Folter spannen? Anfangs war es leicht exotische Nimzo-indische Theorie – weißer Rochadeverzicht und Tausch seines g- gegen den schwarzen d-Bauern gehörte dazu. Lange war es dann dynamisch ausgeglichen, ab dem 32. Zug nicht mehr. Zuvor war Matthias Blübaum voll im Rennen um den Turniersieg.
An Brett 5 war Schwarz vergleichsweise leicht favorisiert, das nächste Diagramm ist „warum keine GM-Norm für Mykola Korchynskyi?“ Teil eins:

FM Korchynskyi – GM Kvaloy nach 28.Tb4 Kf8. Eine für Weiß günstige Isolani-Stellung da der Isolani nun kompensationslos verschwindet. Es kam 29.Sxd5 (kann man auch noch verzögern, man kann es auch direkt spielen) 29.-Sa5 30.Txc6 (30.Txb6 war ein zweiter Bauer) 30.-Sxc6 31.Txb6 Sxd4 (nun hat Schwarz diesen Gegentrick) 32.Sb4?! Se2+ 33.Kh2 a5 – Schwarz hält seinen Laden einigermaßen zusammen. Nach 32.Sc3 oder 32.Sc7 würde offenbar auch der schwarze a-Bauer fallen, auch dann zwei Mehrbauern für Weiß. So war es nur einer. Mit Türmen, Springern und vier gegen drei am Königsflügel versuchte Korchynskyi es noch lange. Womöglich stand er zwischenzeitlich auch objektiv gewonnen, aber es wurde Remis. Aksel Bu Kvaloy ein GM aus der Kategorie „Elo knapp 2500“.
Aus dieser Runde erwähne ich noch die Energieleistung von Dmitrij Kollars gegen den mongolischen GM Bilguun (Elo 2415, damit schlechter als viele IM-Landsleute): Zwei Leichtfiguren gegen Turm war lange in der Remisbreite, nach und nach machte er Fortschritte und nach 99 Zügen hatte er gewonnen.
Stand nach Runde 8
GM Amar 7/8, GM Ganguly und IM Chinguun 6.5, IM Xie, GM Piorun, IM Amilal Munkhdalai, GM Kvaloy, GM Kollars, FM Korchynskyi, IM Amaruvshin, GM Acs, WIM Mungunzul, IM Agibilieg 6, usw. (GM Blübaum Wertungsbester der Gruppe mit 5,5/8). Das sind zwei Deutsche, zwei Norweger, ein Inder, ein Pole, ein Neuseeländer, ein Ungar und fünf Mongol(inn)en!?
Die Schlussrunde
Da ein paar Worte zu allen Spitzenpaarungen:
GM Amar – GM Ganguly 1/2
Da war nicht allzu viel los. Weiß gab dann Dauerschach – vielleicht hatte er realisiert, dass Chinguun am Nachbarbrett jedenfalls nicht gewinnen würde.
IM Chinguun – IM Amilal Munkhdalai 0-1
Der mitdenkende Leser kannte das Ergebnis bereits. Diese Paarung war für beide Spieler vielleicht eine schlechte Nachricht – unabhängig davon, ob sie fern der Heimat gerne gegeneinander spielen oder nicht. So keine Chance auf eine GM-Norm da beide zuvor nur zwei GMs hatten. Im Lostopf für die letzte Runde waren für sie diverse GMs, aber es wurde dieses IM-Duell.
Sie schenkten sich nichts, ein wilder Sizilianer indem Schwarz zweimal Oberwasser bekam, das zweite Mal bis zum Schluss und dann diese Stellung:

Beide konnten einen Freibauern umwandeln, zuvor 56.-g1D 57.Txg1 Kxg1 und nun 68.a8D Txa8. Weiß verzichtete auf die Ressource 69.Kxa8 Kxc7 und schwarzen Freibauern regelwidrig entfernen.
GM Kollars – IM Amartuvshin 1-0
Noch eine Energieleistung des deutschen Spielers, diesmal nur 92 Züge – Endspiel mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern.
GM Acs – IM Agibilieg 1-0
Das ging dagegen schnell – 20 Züge, entscheidender schwarzer Fehler im 11. Zug.
GM Piorun – FM Korchynskyi 1-0
Das war die Schlussstellung:

Irgendwas ging schief bei Französisch von Korchynskyi. Sein König hatte zuvor lang rochiert und wurde dann über das halbe Brett getrieben. Für eine GM-Norm brauchte er noch einen halben Punkt, der eher tags zuvor möglich war. Eine IM-Norm wäre es dabei, aber die Voraussetzungen für den IM-Titel hat er bereits erfüllt. Das muss nur noch von der FIDE bestätigt werden.
GM Kvaloy – IM Xie 1/2
Hier bekam Schwarz den für eine GM-Norm noch nötigen halben Punkt – aus einem offenbar lange verlorenen Endspiel heraus.
GM Blübaum – WIM Mungunzul 1-0
Zum Abschluss noch ein schöner Sieg für den Ersten der Setzliste. Dennoch ist sein Glas womöglich eher halb leer als halb voll.
Weitere normrelevante Partien in der Liveübertragung
Das schnelle Remis bei IM Peyrer- FM Heinrich (15 Züge im Blitztempo gespielt) überraschte mich etwas. So TPR 2448 für den Sieger des Dresdner Kandidatenturniers und das ist keine IM-Norm. Vielleicht dachte er „kommt schon noch“ und wollte gegen einen etwa 100 Elopunkte besseren Gegner mit Schwarz nichts riskieren. Die Schlussstellung war schon ziemlich verflacht.
IM Yu Tian Poh – IM Hess 1-0: der Malaysier, der lange ganz vorne mit dabei war, brauchte noch einen Sieg für eine GM-Norm. Es klappte, nachdem der Garchinger IM ein Endspiel falsch eingeschätzt hatte. Kurz vor Schluss war es dabei trotz nun weißer Mehrfigur wieder Remis, aber nur vorübergehend. Yu Tian Poh und Felix Xie können nun (wenn sie keine weiteren Turniere in Europa spielen) im Flieger über die anstrengenden letzten Runden nachdenken. Ihr Glas ist wohl mindestens halb voll.
FM Sydykov – IM Gan-Erdene 1/2: der junge Gießen-Viernheimer Kirgise brauchte noch ein Remis für eine IM-Norm. Auch er musste lange leiden und hatte sich von der Norm vielleicht zwischenzeitlich schon verabschiedet.
Endstand
GM Amar 7,5/11, IM Amilal Munkhdalai, GM Piorun, GM Ganguly, GM Kollars, GM Acs 7, GM Blübaum, IM Yu Tian Poh, IM Felix Xie, GM Kvaloy, IM Chinguun, GM Rasmus Svane, IM Cheng Qi b, IM Song 6,5, usw. . Die ersten zehn fettgedruckt da sie Preisgeld bekamen (wird bei Punktgleichheit nicht geteilt, Buchholz entscheidet). Elham Amar bekam 4000 Euro, Matthias Blübaum immerhin noch 640 Euro.
Noch weiter hinten u.a. GM Navara (zwei Niederlagen gegen die beiden IMs aus Malaysia und Neuseeland), IM Glöckler (zwei Niederlagen in Endspielen gegen FM Korchynskyi und IM Kügel), IM Besou (gegen Nicht-GMs fast perfekt aber Niederlagen gegen Piorun, Ganguly und Rasmus Svane).
Wie zufrieden der deutsche (oder auch der mongolische) Bundestrainer mit seinen Spielern ist müssen sie selbst entscheiden. Bei Blübaum stimmte vieles, bis auf die achte Runde. So etwas passiert, bei der Olympiade sollte es möglichst nicht passieren. Aber wenn es passiert dann ist es eben so. Rasmus Svane zeigte generell sein Talent als Remisspieler, auch gegen Gegner der Kategorie Elo ca. 2400. Zwei Siege zu Beginn und zwei zum Abschluss – am Ende wollte er es gegen Hussain Besou offenbar noch einmal wissen. Kollars, diesmal nicht in der Nationalmannschaft, begann verhalten mit zwei Remisen und wurde am Ende noch bester deutscher Spieler.
Links
Diese KI-Anregung greife ich gerne auf: