Krisenstimmung im deutschen Frauenteam. Quelle: Gemini KI
Es fällt mir definitiv nicht leicht, den folgenden Beitrag zu schreiben, aber ich habe das Gefühl, es muss leider sein. Überstrahlt von dem überragenden Ergebnis der deutschen Männermannschaft trug sich bei der Nationalmannschaft der deutschen Frauen in Samarkand eine Tragödie zu, als sie nach der zehnten Runde auf Platz 44 standen, und sich in der Schlussrunde gerade noch auf den 29. Platz vorschoben – weit unter ihrem Erwartungswert. Zwar lief die erste Turnierhälfte bis zur 6. Runde ziemlich gut, als Elisabeth Pähtz groß aufspielte, und das Team auf Platz 5 stand. Bis zu dem Zeitpunkt lief es fantastisch.
Niemand ahnte, was danach kommen würde: eine Pleite nach der anderen! Besonders schmerzlich empfand ich, dass eine Spielerin wie Dinara Wagner, die über viel Erfahrung verfügt, und seit Jahren die deutsche Nationalmannschaft anführt, nie richtig ins Turnier kam, sondern ein lustloses Remis nach dem anderen ablieferte. Ich vermute, die Stimmung im Team wurde von Runde zu Runde mieser, und alle waren froh, als es endlich vorbei war.
Was sagt der DSB dazu? Zitat vom Schlussbericht auf der Homepage: „Die Frauen beenden die Olympiade damit mit sieben Siegen und vier Niederlagen auf Rang 29. Als Nummer zehn der Setzliste war das sportlich weniger, als sich die Mannschaft vorgenommen hatte.
Dabei hatte das Turnier zunächst vielversprechend begonnen. Vier Siege aus den ersten vier Runden brachten Deutschland früh in Kontakt mit den stärksten Mannschaften des Feldes. Im weiteren Verlauf fehlte jedoch die Konstanz: Auf starke Auftritte folgten immer wieder Rückschläge, besonders in der zweiten Turnierhälfte. Der 3:1-Erfolg gegen Montenegro war deshalb vor allem ein versöhnlicher Abschluss eines wechselhaften Turniers.“
Nun ja, so beschönigend kann man es auch formulieren…. aber ich würde mal sagen, dann hat man den Knall beim DSB nicht gehört!
Schauen wir uns die aktuelle deutsche Rangliste der Frauen an: ganz vorne stehen traditionell Elisabeth und Dinara mit rund 2400 Elo, doch dann wird es schon schwierig, d.h. die Zahlen fallen stark ab. In der untenstehenden Liste steht ja auch in kleiner Schrift das Alter der Spielerinnen: auf den Plätzen 3 bis 5 der Rangliste folgen also drei Spielerinnen mit über 50, Zoya sogar über 60.
Dann kommen die weiteren Nationalspielerinnen: Jana Schneider, Hanna Maria Klek, und Lara Schulze, alle mit ordentlichem Elo-Minus aus Samarkand. Und Kateryna Dolzichkova, die in Samarkand nicht dabei war, hat in einem anderen Turnier kräftig verloren.
Es war mal ein Ziel im deutschen Schach, zu Zeiten des Powergirls-Programms, die besten Nachwuchsspielerinnen auf über 2300 Elo zu bringen – es hat nicht funktioniert, und bis heute ist davon leider nichts zu sehen! Temporär ja, dauerhaft nein.

Doch vielleicht sieht es bei den Nachwuchsspielerinnen, also der Altersgruppe U20 besser aus? Ist das vielleicht nur ein Übergangsphänomen, bis junge starke Spielerinnen nachwachsen? Werfen wir einen Blick auf die Liste U20.

Die beiden besten, Svenja Butenandt und Luisa Bashylina fallen nächstes Jahr (also in gut 3 Monaten) aus den U20 raus. Luisa ist laut Wikipedia bereits 20,5 Jahre, Charis und Dora Peglau sind immerhin erst 18, aber bei ihrer Prognose für die schachliche Entwicklung stört, dass sie unglaublich viel Schachpraxis haben, und auf vielen internationalen Turnieren zum Einsatz kamen, und trotzdem sind sie bei unter 2200 Elo hängengeblieben, was ehrlich gesagt nichts Gutes für die weitere Entwicklung verspricht. Doras beste Zahl war 2171, und Charis hatte 2238 in der Spitze. Und ihr kleiner Bruder Paul steht mit 13 Jahren schon bei 2180, also auf dem Niveau der 5 Jahre älteren Schwestern.
Die größten Talente in der Liste sind demnach diejenigen, die noch jung genug sind, um einen Spring nach vorne zu machen, wenn sie älter werden: Alicia Kovalsky (vermutlich aus der Ukraine nach Deutschland gewechselt), Paula Czaeczine, Tamila Trunz und Lilian Schirmbeck (Gruß an Markus!).
Nur muss man folgendes dazu sagen: eine Elozahl von 2.000 bis 2.100 ist nicht berauschend, das ist gerade mal WCM-Niveau (Woman Candidate Master) bis WFM-Niveau (Woman FIDE Master). Aber wenn man erst 16 Jahre ist, dann ist es doch eine gute Zahl!
Um die eigentliche Liste der Talente im DSB zu ergründen, muss man daher die Liste U16 näher studieren:

Hier fallen mir die beiden Chens auf, die erst 12 und 14 Jahre alt sind, aber schon Elo 1900/2000 haben. Überhaupt finden sich viele ausländische Namen in dieser Tabelle, was darauf hindeutet, dass die Migration beim Nachwuchs inzwischen eine große Rolle spielt (immerhin 8 von 15 Spielerinnen).
Bei Lisa Sickmann hatte ich eigentlich noch vor 2 Jahren gedacht, sie sei ein Supertalent, aber seitdem sie von 2200 auf 2000 zurückgefallen ist, tut sich leider auch nicht mehr viel bei ihrer Zahl. Schade!
Lilian Schirmbeck dürfte mit 13 Jahren ein großes Talent sein! Genau wie Alicia Kovalsky, die erst 14 ist. Aber wie lange bleiben die Ukrainerinnen in Deutschland?
Ja ich weiß, es gibt das Mädchentrainingsprogramm von Nadja Jussupow, und hier zeigt sich mal wieder, wie wichtig es ist! Ein bisschen „Tapetenwechsel“ ist nie verkehrt!
Tragisch bzw. schlecht bzw. jedenfalls „unter dem Erwartungswert“ waren dabei nur die (vor)entscheidenden Runden 9 und 10 mit Niederlagen gegen Indonesien und Lettland, das abschließende (etwas wacklige) 3-1 gegen Montenegro war dann nur noch Schadensbegrenzung. Mit den beiden anderen Niederlagen gegen Kasachstan und Indien musste man rechnen – dass sie relativ früh im Turnier gegen diese Teams spielten zeigt, dass es zunächst durchaus lief. Bis einschließlich Runde 8: wenn die Stimmung wegen Niederlagen gegen Spitzenteams „mies“ war, dann waren die (im Vorfeld geäußerten) Erwartungen zu hoch? Was dann passierte ist ein anderes Thema, das auch Paehtz betrifft: erst verlor sie eine zunächst vielversprechende Stellung gegen eine ca. 200 Punkte schwächere Gegnerin, in den letzten beiden Runden pausierte sie.
Generell gilt dabei: für Erfolge braucht man alle in mindestens Normalform und ein bis zwei die überragen. So war es bei den Männern, bei den Frauen mit generell stärkeren Formschwankungen eben nicht. Jana Schneider und Lara Schulze deutlich im Soll, Dinara Wagner etwas – Niederlage gegen Koneru „kann passieren“, und nur drei der Remisen waren wirklich enttäuschend (nur eines kostete ein bis zwei Mannschaftspunkte). Bei Klek ist Elo -4 mit K-Faktor 20 allenfalls ein „unordentliches“ Minus.
Wie lief es früher?
Olympiade 2024 an 8 gesetzt Platz 22 – damals früh mehrfach 2-2 gegen nominell unterlegene Gegnerinnen, dadurch erst in den letzten Runden starke Teams und Niederlagen gegen Polen und Armenien. Dinara Wagner im Elosoll (-16), die vier anderen (Paehtz, Heinemann, Klek, Schulze) etwa Normalform.
Olympiade 2022 an 8 gesetzt Platz 10, dabei bis auf die Ukraine in der vorletzten Runde keine starken Gegnerinnen. Klek katastrophal (Elo -48), daher auch nur sechs Partien. Jana Schneider glänzte an Brett 5 (de fakto 4) mit 9/10 (Pause in der letzten Runde um den Brettpreis nicht zu gefährden?), hatte dabei bis auf die Ukrainerin Nataliya Buksa nur Gegnerinnen mit (oft deutlich) unter 2200.
Europameisterschaften sind ein anderes Thema:
2025 ohne Paehtz an 6 gesetzt Bronze (lag vor allem an Klek und Dolzhykova)
2023 an 3 gesetzt Platz 7 (Paehtz normal, Heinemann stark, Wagner, Klek und Schneider enttäuschend).
In Europa wäre Platz 20+x bereits untere Tabellenhälfte, in dieser Hinsicht nicht mit Olympiaden vergleichbar.
Zum Nachwuchs: „nicht-deutscher Name“ bedeutet nicht zwangsläufig „(schachlich halbfertig) aus dem Ausland nach Deutschland gewechselt“. Wie ist es bei Luisa Bashylina? Czaeczine ist auch „kein deutscher Name“, wobei ich das nicht einordnen kann und die Familie wohl „100% deutsch“ ist.
Bei Alicia Kovalskyy kann man leicht herausfinden, dass sie bereits 2020 (also vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine) deutsche U8-Meisterschaften spielte – erste DWZ danach 794. Wenn Migrationshintergrund, dann vielleicht die Eltern – übrigens nicht zwingend Ukraine, FIDE hat neben ihr 10 Kovalskys – 5 Ukrainer, 2 Slowaken, ein Tscheche, ein Pole (und ein Spanier). Dabei vermutlich „ebenso deutsch“ wie Donchenko (kam im Alter von 4 Jahren aus Moskau) oder Kollars (in Deutschland geboren).
Von den in der Liste genannten sind nur Mariia Bohatyrova (Verbandswechsel 2023) und Daria Shynkar (Verbandswechsel 2024) Ukraine-Flüchtlinge, auch Rafikova und Klymenko spielten immer in Deutschland.
Inzwischen habe ich mir die Elo-Bilanz von einigen anderen europäischen Nationalmannschaften angesehen, und da ähnliche „Aussetzer“ entdeckt. Man muss natürlich bei der Kritik auch berücksichtigen, dass viele Spieler*innen in Asien underrated sind, und dass man so leicht Elo-Punkte verliert. Bei der Europameisterschaft ist es weniger schlimm, weil dort die meisten Spieler*innen richtig geratet sind.
Insofern kann man die Kritik vielleicht etwas abmildern, allerdings bleibt es dabei, dass ich gerne wenigstens eine junge deutsche Spielerin hinter Elisabeth und Dinara sehen würde, die ihnen ein wenig das Wasser reichen kann. Man kann aktuell nicht mal sagen, welche von den 2300-Spielerinnen das größte Potenzial hat, sich als deutsche Nummer drei zu etablieren!