Aus dem Archiv des SK Halle möchte ich noch einmal einen Vorgang aus dem Jahr 1987 in die Gegenwart holen. Im Verbandsligaspiel zwischen Halle und Brakel/Bad-Driburg gab es eine Hängepartie an Brett 5. Hängepartien waren Turnierpartien, die nach einer gewissen Spielzeit abgebrochen wurden. Ich bin mir nicht sicher, warum es diese Regelung überhaupt gab, ob dies in der Spielordnung geregelt war oder in den FIDE Regeln, nach welcher Zeit der Abbruch zu erfolgen hatte, oder ob es hierzu einen Antrag eines Spielers brauchte. Vielleicht wird es in den Kommentaren zu diesem Beitrag ja dazu weitere Informationen kundiger Menschen geben. Jedenfalls wurde die Stellung der Partie dann auf einem „Hängepartieformular“ schriftlich festgehalten, welches ihr oben sehen könnt. Der Spieler, der am Zug war, musste vor Abbruch verdeckt seinen nächsten Zug aufschreiben und ihn in einem verschlossenen Umschlag hinterlegen. Würde die Partie zu einem späteren Zeitpunkt weitergespielt werden, würde dieser Umschlag wieder geöffnet werden, der Zug ausgeführt und die Partie damit fortgesetzt. Dies hat man vermutlich so geregelt, damit nicht derjenige der am Zug war, einen Vorteil bei der zwischenzeitlichen häuslichen Analyse der Stellung hatte. In diesem Fall wurde aber nicht fortgesetzt, denn es gab noch einen Zwischenschritt. Die Hängepartieformulare wurden vom Spielleiter der Liga geprüft und die Stellung eingeschätzt. Nur wenn einer der Spieler gegen diese Einschätzung Einspruch erhob, wurde zu einem späteren Zeitpunkt weitergespielt. In diesem Fall schätzte der Spielleiter die Partie als gewonnen für Karl-Ernst Kiel ein, ein Urteil welches objektiv korrekt war, wie die heutige Einschätzung von Stockfish belegt (siehe unten).
Ich habe nie eine Hängepartie gespielt, ich weiß auch nicht wann sie genau abgeschafft wurden. Ich vermute mal das geschah irgendwann Anfang der 90er Jahre, als die Schachprogramme so stark und für jedermann verfügbar wurden, dass der Modus endgültig seinen Sinn verlor, die Bedenkzeiten in klassischen Partien verkürzt wurden und einfach immer bis zum Ende gespielt wurde. Trotzdem finde ich diese Regel immernoch kurios und sie ist ein interessanter Einblick in die Geschichte des königlichen Spiels.


Ich kann mich dunkel erinnern, daß eine Hängepartie von mir zu einem Remis abgeschätzt wurde (und ich unzufrieden damit war). Doch liegt das so lange zurück, hat eh keine Relevanz mehr.
Heutzutage gäbe man Carlsen als ehemals remis eingeschätzte Endspielstellungen zur Hand, der würde 90 % davon gewinnen oder?!
Wenn der Gegner die Remisstellung in aller Ruhe, eventuell stundenlang analysieren kann um später ausgeruht die Partie fortzusetzen würde Carlsen vielleicht noch 10% gewinnen. Auch unter heutigen Bedingungen – alles in einer Sitzung, Bedenkzeit wird knapp (eventuell nur noch Inkrement) – ist oder war seine Siegquote in derlei Stellungen wohl nicht 90%.
Ich bin etwas jünger (oder weniger alt) als Schachfreund Althöfer aber kann mich auch noch an Hängepartien in Mannschaftskämpfen erinnern. Analysen mit vielen aus dem Verein empfand ich als hochinteressant, gut für Trainingseffekt und auch Teamgeist. Spieler aus der zweiten, dritten oder fünften Mannschaft eines großen Vereins hatten dabei Vorteile, da sie Hilfe von stärkeren Spielern bekommen konnten. Auch in meiner Kieler Zeit in den 90er Jahren gab es das noch, da allerdings in der kuriosen Form: Partie wird eine Stunde unterbrochen, beide Teams konnten (in getrennten Räumen und wohl nur Spieler der beiden Mannschaften) gemeinsam analysieren und dann geht es vor Ort weiter.
Dann wurden Hängepartien wohl tatsächlich abgeschafft, sicher wegen nun zu starker Schachprogramme. Bei Turnieren der ACP (Association of Chess Professionals) gab es 2012 und 2014 wieder Hängepartien, wobei dann das passierte: beide Spieler schauten sich eine für Menschen unklare Abbruchstellung zunächst mit Computerhilfe an. Wenn ein Schachprogramm dann +3 oder -5 sagt hat der „Verlierer“ direkt aufgegeben. Nur wenn auch das Engine-Urteil ausgeglichen/unklar war (auch kein forciertes Remis) wurde die Partie später fortgesetzt.
Hallo Jungspund Markus,
ich spielte im Schachverband OWL seit 1978 mal Verbandsklasse,
mal Verbandsliga, je nachdem, wie gut es mit Turm Lage ging. Die
Bedenkzeitregelung war (festhalten bitte): 150 Minuten für die
ersten 50 Züge, dann 60 Minuten extra für die nächsten 20 Züge,
dann wieder 60 Minuten extra für die nächsten 20 Züge usw.
Zu Hängepartien abgebrochen durfte frühestens nach 7 Spielstunden
werden, wenn der Kampf noch nicht entschieden war. Dann
passierte die Prozedur mit Hängepartie, Zug in Umschlag usw.
Um 1985 herum hatte ich eine Partie gegen Nöttger junior (Sohn
von Helmut Nöttger). Der Kampf war schon entschieden (für Lage),
nur Eckhard und ich spielten noch. Wir machten Hängepartie. Ich
analysierte die Partie zu Hause (bis zum Gewinn für mich) und
schickte mein Analyseblatt als Papierbrief an Herrn Schieffer. Naiv
betrachtet sah die Stellung eher remislich aus. Schieffer folgte aber
meinen Analysen und schätzte als für mich gewonnen ab. Kein
Einspruch von den Bielefeldern, so dass ich den vollen Punkt bekam.
Rainer Schieffer war kein schwacher Spieler, aber wohl unter Ingo
125. (Das wäre DWZ – vor den Inflationsmassnahmen – von etwa 1850).
Er war froh, wenn ihm beteiligte Spieler mit Analysen halfen.
Erinnert sei auch an eine ewig lange Partie Spasski – Hübner aus der
ersten einteiligen BuLi-Saison. Nach 11 Stunden wurde vertagt. Es
war ein 5-Steiner (KD vs KD+ f-Bauer). Nöttger senior schätzte als
remis ab. Etliche Jahre später wusste man aus den 5-Steiner-Daten-
banken, dass Hübner bei Abbruch eine Gewinnstellung hatte.
Viele Grüße, Senior Ingo.
In München spielt man die Ligawettkämpfe am Abend. Vaterstetten III gegen Dachau III, 4:3 für Vaterstetten, eine Partie läuft noch. Nach 40 Zügen hatte man das Recht auf eine Hängepartie, diese wurde dann eine Woche später am selben Ort weitergeführt. Dachau stand besser und mein Kumpel Schmidi wollte als Mannschaftsführer das Siegremis erkämpfen. Der Gegner wollte weiterspielen, was erlaubt war, aber Schmidi bestand auf Hängepartie. Nächste Woche musste der Gegner eine Stunde mit dem Auto, mit der S-Bahn noch viel mehr nach Vaterstetten gurken und dann weiterspielen. Der Vorteil für Dachau blieb, nach weiteren 40 Zügen entschied sich Schmidi für eine weitere Hängepartie, was nichts verbotenes war. Der Gegner knickte ein, Remis und 4,5:3,5 für Vaterstetten. Es gab auch mal den Fall, dass der Gegner die weite Fahrt auf sich nahm und dann mit einem „Ich gebe auf“, begrüßt wurde, Schneiderfahrt sagt man in Bayern dazu.
Ich war nie ein Freund der Hängepartie. Bei einer Deutschen Meisterschaft hatte ich ein Bauernendspiel mit Mehrbauern und machte Hängepartie. Ich schrieb den Zug falsch auf, statt Kg2 – g3 schreib ich Kg3-g2 auf. Das Schiedsgericht entschied, der Zug ist klar erkennbar und ich gewann das Bauernendspiel, was Remis war, der Gegner hatte isch auf den kampflosen Punkt gefreut.