Folgenden Bericht habe ich 2018 anlässlich meines Besuchs der 9. Runde des Kandidatenturniers in Hamburg geschrieben.
Wann findet solch ein Schachevent mal nicht in einem autokratisch regierten Land statt, in dem irgendein geltungssüchtiger Despot sich gegen viel Bestechungsgeld mit Spitzensportevents schmücken möchte, sondern im Land mit den meisten aktiven Schachspielern (von denen es leider in letzter Zeit keiner in die absolute Weltspitze geschafft hat)? Die rhetorische Frage zeigt, das Kandidatenturnier ist eine Ausnahme, umso größer ist das Interesse mit dem es auch von den Zuschauern aufgenommen wird. Mein Besuch zeigte mir, das Interesse war da. Selbst bei meinem Besuch an einem Werktag war eine ansehnliche Zahl an Zuschauern angereist (sogar verhältnismäßig viele weibliche), die das Geschehen auf den 4 Brettern und das Rahmenprogramm verfolgten. Die Örtlichkeit war schon interessant: Ein altes Fabrikgebäude, das speziell für diese Veranstaltung einen aufwändigen Innenausbau bekommen hat. Ein interessanter Bericht des WDR zu den Hintergründen der Veranstaltung findet sich unter diesem Link. (Anmerkung aus der Gegenwart: Leider nicht mehr verfügbar)
Einige Spieler klagten über die Spielbedingungen (zu hellhörig, schlechte sanitäre Ausstattung), was zumindest an dem Tag den ich erlebt habe, aber durchaus OK war. Gut, es ist kein 5-Sterne Bau, aber die sanitären Einrichtungen für die Zuschauer waren durchaus OK (Beweisfoto unten). Ein paar Störgeräusche lassen sich bei der Lokalität und der Anzahl an Zuschauern einfach nicht vermeiden, aber letztlich muss man das auch als Weltklassespieler einfach bis zu einem gewissen Grad in Kauf nehmen, wenn man nicht völlig abseits jedweder Öffentlichkeit spielen möchte. Insgesamt wusste sich jeder Anwesende dort zu benehmen, und selbst wenn nicht gab es genug Personal, das entsprechende Hinweise gab. Die Ticketkategorien und die inkludierten Leistungen sind allerdings nahe am Betrug, ich habe mich dazu hinreißen lassen die Gold Kategorie zu nehmen, die den Aufpreis aber wirklich nicht wert war. Es war die Rede davon, dass an privaten und exklusiven Blitz- und Schnellschachturnieren teilgenommen werden könnte. Nichts davon fand statt, es standen in den Lounges nur diverse Bretter rum, an denen man spielen konnte. Ich hatte da andere Erwartungen. Also an jeden, der überlegt welche Kategorie denn die richtige ist: Silber reicht völlig.
Man konnte neben dem Betrachten der Partien direkt am Tisch oder vom Balkon auch zwei verschiedenen Kommentaren lauschen, die die Partien live analysierten. Judith Polgar fand ich dabei am besten, mit welcher Leichtigkeit und welcher Tiefe sie verschiedene Varianten durchrechnete und das stundenlang (mit kleinen Pausen) war echt beeindruckend zu sehen. Sie hatte einen Sidekick an ihrem Tisch, der sicher auch ein sehr guter Schachspieler ist, aber jedes Mal wenn er eine Idee einwarf wusste sie sofort warum die gut oder schlecht war und konnte das auch sofort belegen. Beeindruckend, wirklich!
Letztlich konnte nur Sergej Karjakin seine Partie gegen Vladimir Kramnik gewinnen, der echt von Anfang an alles oder nichts spielte, und dem ich daher echt den Erfolg mehr wünschte, hat aber leider nicht sollen sein. Insgesamt war es toll mal bei so einer Veranstaltung dabei gewesen zu sein. Nun folgen noch ein paar Fotos des Veranstaltungsortes Leider ohne Fotos direkt an den Brettern, ich war leider zu spät gekommen, das durfte man nur in den ersten 10 Minuten, dafür habe ich aber zwei launige Videos gemacht (eins von der Pressenkonferenz mit Alexander Grischuk und Wesley So sowie eins vom deutschsprachigen Analysetisch). In den Pressekonferenzen konnte jeder Anwesende den Spielern Fragen stellen, die sie auch bereitwillig beantworteten. In dem Moment fühlte man sich echt als Teil des Geschehens.
