Otto Blathy. Quelle: Wikipedia
Der tschechische Problemkomponist O. Blathy gilt im Studienschach als Rekordhalter für langzügige Studien. Man kann sie auch Langzüger nennen, wobei der Langzüger im Problemschach noch eine besondere Bedeutung hat, nämlich der längste mögliche Zug auf dem Brett. Nachlesen kann man die Studien im Werk: Otto T. Bláthy: Vielzügige Schachaufgaben von 1890 oder 1940, das im Internet mit über 100 Euro gehandelt wird.
Außerdem sind 79 Aufgaben in der Studiendatenbank von Harold von der Heijden veröffentlicht.
Diese Aufgaben haben eine ganz eigene Ästhetik, weil das Grundmotiv so lange wiederholt wird, bis schließlich tödlicher Zugzwang eintritt. Mit jedem Rundlauf schließt sich dabei das Netz enger um den Verteidiger, der immer verzweifelter nach Luft schnappt.
Blathy war nämlich Ingenieur, und genau wie eine Maschine die konstruiert wurde, um wiederkehrende Bewegungen auszuführen, so konstruierte er auch seine Schachstudien. Jedes Glied greift genau ins andere.
Von den vielen Kompositionen dieser Art haben wir eine herausgesucht, die uns besonders angesprochen hat.

Weiß am Zug gewinnt. Oder anders gefragt: Weiß am Zug setzt Matt in wie viel Zügen?
Vielleicht in 50 Zügen? Oder in 75 oder gar erst in 100 Zügen? Die richtige Antwort lautet: bei bestem Spiel von beiden Seiten setzt Weiß in genau 97 Zügen matt.
Der Anfang ist leicht, denn Weiß muss mit 1.Kf1! dem schwarzen König das Feld g2 nehmen, und klemmt den König am Rand ein. Schwarz wiederum antwortet 1…a6! damit Weiß ihm das Tempo nicht selbst mit 2.a6 nimmt, was die Lösung verkürzen würde.
Nun stellt sich heraus, dass Weiß den Schwarzen in Zugzwang bringen kann, wenn dieser am Zug wäre, denn sowohl nach Kh3 als auch nach Kh1 wird er vom Weißen eingeklemmt. Da aber Weiß am Zug ist, muss er ein Tempo verlieren (oder gewinnen, je nachdem wie man es sieht), um die Zugpflicht auf Schwarz abzuwälzen.
Da der weiße König nur zwischen f1 und f2 pendeln kann, und der schwarze König analog zwischen h2 und h1 pendelt, muss der Läufer das Tempo verlieren.

In dieser Stellung hat Weiß alles gedeckt und kann beliebig mit dem Läufer ziehen. Jetzt folgt das Schlüsselmaöver 6.La3 7.Lb2 8.Lc1 oder umgekehrt 6.Lb2 7.La3 8.Lc1. In beiden Fällen konnte der schwarze König nur „gerade“ ziehen, während der Läufer „ungerade“ gezogen hat-
Und danach kehrt er wieder nach f2 zurück. Setzt Schwarz unter Zugzwang, der einen weiteren Bauern nach vorne ziehen muss. Das Ganze wiederholt sich sechs Mal, bis folgende Stellung erreicht ist:

Endlich ist es geschafft – Schwarz hat mit seinen Bauern alle Tempozüge aufgebracht. Diese Stellung entsteht entweder nach 67.e5 oder 67.g5 oder 67.d5 mit Weiß am Zug, oder aber nach dem letzten Ausflug des weißen Läufers auf den Damenflügel nach 78.Lf2, diesmal mit Schwarz am Zug.
Tatsächlich befindet sich Schwarz nun in entscheidendem Zugzwang, denn auf 78…Kh1 folgt 79.Lg1 und auf 78…Kh3 offensichtlich 79.Kg1. Schwarz muss also mit 78…d4 (oder 79…d4) die Stellung öffnen, was er eigentlich gar nicht will. Genau im 80. Zug muss Weiß dann aufpassen.

Das automatische 80.Lxd4? Kxg3 81.Ke2 Kh2 wäre keine gute Idee, also bildet Weiß sich mit 80.cxd4! einen Freibauern. man beachte: aus der Ausgangsstellung hat Weiß 80 Züge gebraucht, um einen Freibauern zu bilden!
Wenige Züge später entsteht mehr oder weniger forciert folgende Stellung.

Und von hier aus setzt Weiß nach 86.Kd2 (am einfachsten) oder 86.d8D (etwas komplizierter) 86…c1D 87.Dd6+ Kh3 88.Dh6+ in wenigen Zügen Matt.
Was lernen wir daraus? Im Schach braucht man manchmal Geduld, wenn man zum Ziel kommen will.
Und wir lernen aus dieser Studie, dass es dem Tschechen Blathy große Freude bereitet haben muss, nach Stellungen zu suchen, die erst nach vielen Iterationen gewonnen sind.
Sein Rekord liegt bei Matt in 292 Zügen!

Weiß setzt Matt in 292 Zügen.
Nun keine so schöne Stellung, wie diejenige, die wir ausgewählt haben, um das Prinzip zu demonstrieren.
Da ist jene harmonischer, aber schon verkürzt sich der Mattweg auf etwa 230 Züge…

Auch die Problemzeitschrift „Die Scwalbe“ hat etliche Aufgaben von Blathy publiziert.