Matthias Blübaum; Bild geliehen von Thorsten Cmiel
Matthias Blübaum beendete das Turnier mit 6 aus 14 Punkten und belegte Rang 6 (punktgleich mit Pragg, der kein gutes Turnier erwischte). Seine Bilanz lautete: zwölf Remis, zwei Niederlagen und kein einziger Sieg.

Was positiv zu bewerten ist
Zunächst zur Einordnung: Mit einer Elo von knapp 2700 war Blübaum nominell der schwächste Spieler des Felds (zusammen mit Esipenko), und seine Teilnahme kam für viele überraschend. Angesichts dessen ist das Ergebnis durchaus respektabel. In diesem starken Feld hätte es auch ganz anders laufen können, doch er hielt stand!
Gegen Namen wie Nakamura, Caruana oder Sindarov verteidigte er schwierige Stellungen und bewies über weite Strecken enorme Stabilität. Manchmal hatte er das Gefühl, dass er sich mit enormer Leidensfähigkeit gedrückte Stellungen geradezu aussuchte, die er dann eisern zum Remis verteidigte. Quasi die Blübaumsche Läuterung.
Wo noch Luft nach oben ist
Bekanntlich war sein Sekundant Rasmus Svane, und da fällt der Apfel nicht weit vom Stamm, denn Rasmus ist zwar ein großartiger Schachspieler, spielt aber meist nur mit kontrolliertem Risiko, und ist selten einem Remis gegen starke Gegner abgeneigt. Und so lief es auch bei Matthias in dem Turnier. Der wahre „Blübaum-Sweep“, vom dem vor dem Kandidatenturnier scherzhaft die Rede war, hätte wohl aus einem Durchmarsch von vierzehn Remisen bestanden.

Die fehlende Siegesausbeute bleibt der offensichtliche Schwachpunkt. Gegen Caruana erwischte ihn eine Eröffnungsvariante auf dem falschen Fuß – er spielte einen falschen Damenzug und schaffte es nicht mehr zurück ins Spiel. In der letzten Runde ging er mit h4 ein zu großes Risiko ein, übersah gegen Giri einen taktischen Trick und kam schnell unter die Räder – das war Giris Revanche für die Niederlage im Grand Prix. Um es auf den Punkt zu bringen: immer wenn Matthias zu viel riskierte, wurde er flugs mit einer Niederlage bestraft. Gegen schwächere Gegner (unter 2700 Elo) mögen solche Risiken mit einem vollen Pukt belohnt werden, aber nicht gegen die Weltklassespieler vor Ort.
Fazit
Sein ehemaliger Trainer Matthias Krallmann kommentierte die Leistung optimistisch: „Er kann auf diesem Niveau von 2700 spielen.“ Das trifft es wohl gut: Blübaum hat bewiesen, dass er zur absoluten Weltspitze nicht hoffnungslos abgehängt ist. Für eine wirkliche Kampfansage fehlten jedoch Siege – und ohne die ist bei einem Kandidatenturnier kein Blumentopf zu holen. Die Remisquote von fast 86 % spiegelt einen soliden Stil wider, der auf höchstem Niveau nicht ausreicht, um vorne mitzuspielen.
Zum Gesamtbild gehört auch: seine Performance war deutlich besser als die von Esipenko, Pragg und relativ gesehen auch von Nakamura!
Insgesamt: ein historischer Auftritt für das deutsche Schach, ein respektables persönliches Ergebnis – aber mit Luft nach oben, was Risikobereitschaft und Siegeswille betrifft.
Ein, wie immer, nahezu perfekter Bericht…. Schon die Qualifikation war erneut ein toller Erfolg für Blübaum. Und was er gezeigt hat kann man durch aus als gute deutsche Hausmannskost bezeichnen. Er hat bewiesen, dass er einigermaßen mithalten kann. Aber für Spektakel hat er nicht gesorgt und wird es auch in Zukunft (auf diesem Level) nicht. 14 Partien gespielt, keine einzige gewonnen. Er stand, glaube ich, auch in keiner Partie mal klar besser oder auf Gewinn. Als ich vor Beginn des Turniers gelesen habe, dass R (!) Svane sein Sekundant wird, hatte ich allerdings auch jede Hoffnung auf mehr verloren. Sicher ein sehr sympathischer und natürlich auch starker Spieler. Aber seine Einstellung zum Schach, sein kaum vorhandener, unbedingter Siegeswille, das Fehlen alles bis zur totalen Erschöpfung reinzuhauen, dieses „Klammern“ gegen bessere Spieler. Weiß nicht, ob er für das ganz große Ziel der Richtige war. Zudem erlaube ich mir nebenbei die Bemerkung, dass mich das Turnier nicht unbedingt vom Hocker gerissen hat. Der Turniersieger war natürlich sensationell. Aber der Rest war, zumindest für mich, sehr übersichtlich. Ich schaue mir die großen Turniere gerne auf Y….. an. Mir haben auch einfach „die Typen“ gefehlt. Kein Magnus, kein Keymer, kein Erigaisi, kein cooler Firouzja. Es war sogar so, dass ich mir mehr das Damenturnier angeschaut habe als die Jungs. Dies war sehr spannend. Ob mein Interesse nur den Partien galt, muss ich allerdings nochmal in mich gehen ……….
Sehr interessanter und stimmiger Beitrag von Ihnen. Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass Schach auf höchstem Niveau ein wenig ausgetrocknet ist, einfach deshalb weil dort sehr korrekt gespielt wird, und man infolgedessen immer nahe am Remis wandelt, außer natürlich, wenn es mal anders läuft, so wie Blübaum gegen Giri. Ein Beispiel dafür ist auch, dass Matthias gegen e4 immer Russisch und nie Französisch gespielt hat, um die Partie nach Möglichkeit schnell in den sicheren Remishafen zu überführen. Und in der Tat bei den Frauen sieht es anders aus, das wurden noch wilde Kämpfe ausgetragen, und man hat erheblich mehr Risiko in Kauf genommen! Aus dieser Perspektive war das Frauenturnier tatsächlich das Attraktivere von beiden.
Man kann es nie allen Recht machen. Einige wollen auch einen dominanten Sieger – den gab es bei den Männern, ob Sindarov dieses Niveau halten kann wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls (den zuvor „unbekannten“) Sindarov, Giri (mit zu Unrecht schlechtem oder langweiligem Ruf) und Nakamura kann man auch als „Typen“ bezeichnen.
Im Frauenturnier wurde vielleicht auch angesichts der durchgehend „unklaren“ Turniersituation mehr riskiert. Dabei lagen die vielen entschiedenen Partien, Irrungen und Wirrungen auch an einem „ausgeglichen schwachen“ Feld – Partien wurden teils durch haarsträubende Fehler entschieden, einige kippten komplett, es gab durchaus auch nicht verwertete klare Gewinnstellungen. Am Ende gewann dann die eloschwächste Spielerin, aber das war aus meiner Sicht „Zufall“.
Zu Blübaum: wenn er wie Esipenko öfters mehr riskiert hätte wäre es womöglich dessen Ergebnis geworden. Auch so überlebte er zwei Verluststellungen. In diesem Feld um den Turniersieg mitspielen war eben unrealistisch. Siegchancen bekommt er gegen Weltklassespieler am ehesten, wenn Gegner den Bogen überspannen – war bei Grand Swiss und Tata Steel der Fall, nun wohl auch angesichts des früh enteilten Sindarov nicht.
Glückwunsch an Mathias Blübaum,er hat den Deutschen Schachbund
würdig vertreten.Ja,ja,die Weltspitze ist schwer aufzumischen,das Niveau
ist sagenhaft hoch.Man kann nur Mut machen für künftige Aufgaben,er
ist noch jung genug weiter nach vorn zu kommen.Alles Gute dafür.
Genau, er wurde gerade 29 Jahre alt, und hat im wahrsten Sinne des Wortes noch eine blühende Zukunft vor sich!