Gerald Hertneck schrieb bereits zu Matthias Blübaum „insgesamt“, ich schreibe nun über das gesamte Turnier. Bei Sindarov wird es dabei sowohl „historische Einordnung“ als auch etwas zur möglichen Zukunft. Wer mich kennt weiß, dass ich gerne auch „relativiere“ und mitunter etwas „gegen den Strom schwimme“. Da ich auch einige Exkurse einbaue werden auch Spieler erwähnt, die sich (noch?) nicht für Kandidatenturniere qualifizieren konnten und sogar einer für den ich die Prognose wage „Kandidatenturnier, das war einmal“. Er wurde bereits im Titel des Zwischenberichts erwähnt. Und nun „Spieler für Spieler“, bei Sindarov mehrere Unterkapitel:
Halt, erst noch das Endergebnis, auch wenn es wohl „bekannt“ ist: Sindarov 10/14, Giri 8.5, Caruana 7.5, Wei Yi 7, Nakamura 6.5, Blübaum und Praggnanandhaa 6, Esipenko 4.5. Aber jetzt:
Sindarov
Nachfolger von ….
Ja, von wem denn alles? Chronologisch zunächst von Praggnanandhaa, der sich ebenfalls als noch-nicht-Weltklassespieler beim Weltcup für das Kandidatenturnier qualifizierte. Dann zum einen von Gukesh, der ebenfalls im ersten Anlauf das Kandidatenturnier gewann – er „ohne zu dominieren“. Danach wurde er auch Weltmeister, ob Sindarov das auch schafft steht noch nicht fest. Siehe unten, zunächst zitiere ich mal einen verstorbenen Nicht-Experten der Schachspieler abfällig als Klötzchenschieber bezeichnete: „schau’n mer mal“.
Außerdem (lange her, anno 2005) von Topalov, der im WM-Turnier die erste Hälfte dominierte und das dann in der zweiten Hälfte konsolidierte. Nicht so lange her: 2022 machte Nepomniachtchi im Kandidatenturnier dasselbe. Auch da war Caruana bei Halbzeit der einzige Verfolger, damals nur ein halber Punkt Rückstand vor einer damals total misslungenen zweiten Turnierhälfte. Beide – Nepo und Sindarov – gewannen in der zweiten Turnierhälfte nur eine Partie, jeweils gegen einen vorab höher eingeschätzten Spieler aus der unteren Tabellenhälfte: Nepo gegen Firouzja, Sindarov gegen Praggnanandhaa. Ob Sindarov erneut Nachfolger von Nepomniachtchi wird – Kandidatenturnier zweimal nacheinander gewinnen – liegt zunächst am Ergebnis des WM-Matches. Nun also zur möglichen Zukunft:
Das WM-Match
Auch Gukesh wurde als klarer Favorit bezeichnet, und Ding Liren als „Weltmeister auf Abruf“. Gukesh gewann dann zwar, aber es war eine ziemlich enge Angelegenheit. Eines sollte Sindarov jedenfalls nicht tun: sich als klaren Favorit betrachten und Gukesh unterschätzen. Die Kandidatenturniere von Sindarov und Gukesh waren ja unterschiedlich: Gukesh musste bis zum Ende kämpfen, bei Sindarov war es ein „Selbstläufer“. Daraus kann man „Vorteil Sindarov“ machen, muss es aber nicht unbedingt.
Persönlich wünsche ich mir ein spannendes WM-Match, wer das gewinnt ist sekundär. Was ich nicht „brauche“: EINEN dominanten Spieler als „Nachfolger von Carlsen“. Für mich ist völlig OK, wenn sich mehrere Spieler auf Augenhöhe zueinander befinden. Wie lange über 30-jährige noch mithalten können wird spannend, ebenso die Rivalität zwischen jungen Spielern und wer eventuell dazu stoßen kann (ein Name wird weit unten erwähnt).
Die nahe Zukunft
Zunächst muss man abwarten, wie Sindarov mit seiner neuen Rolle als jedenfalls Mitfavorit zurecht kommt. Das wird sich zunächst bei der Grand Chess Tour zeigen. Nach dem Verzicht von Gukesh bekam er diese Einladung offenbar während der dritten Runde des Kandidatenturniers. Da hatte er 1,5/2 gegen die Außenseiter Esipenko und Blübaum – noch war nicht bekannt, dass er dann nacheinander Pragg, Caruana und Nakamura besiegen würde. Die GCT hätte sich zu diesem Zeitpunkt auch für Abdusattorov entscheiden können – und auch jetzt wäre der etablierte Usbeke eine Option.
Unabhängig davon: Es gab ja schon mehrere Spieler, für die es in jungem Alter recht plötzlich steil aufwärts ging – und dann wieder jedenfalls etwas abwärts. Das neueste Beispiel wäre „unser“ Vincent Keymer: 2026 abwechslungsreicher Auftritt in Wijk aan Zee und dann klar Elo-negatives Ergebnis in Prag. Davor auch Firouzja, der mal (auch von Carlsen selbst) als „einziger Nachfolger von Carlsen“ bezeichnet wurde – hat sich wohl erledigt. Noch krasser anno 2019: vor und direkt nach seinem 21. Geburtstag ging es für Artemiev von Platz 37 in der Weltrangliste auf Platz 11 – dann war er schnell wieder außerhalb der top20, 2025 ging es dann weiter abwärts.
„Nachfolger von Artemiev“ würde mich bei Sindarov überraschen, Nachfolger von Keymer und Firouzja nicht unbedingt. Das wäre dann „irgendwo in der top10“, für Keymer aktuell wieder Rang 7. Das lag zunächst an seinem eigenen Ergebnis in Prag und dann an den Ergebnissen von Sindarov und Giri im Kandidatenturnier. Firouzja ist aktuell Achter der Weltrangliste.
Nach der Grand Chess Tour und wohl vor dem WM-Match auch die Olympiade, im Vorfeld da zwei Fragen: Wer bekommt das usbekische Spitzenbrett, und wie wird Indien aufstellen?
Seine zweite Turnierhälfte
Den verpassten Sieg gegen Blübaum konnte er verkraften, das kommt nochmal im Kapitel zu Blübaum. Gegen Praggnanandhaa zeigte sich mal wieder, dass der Pragg-matiker Schwächen in scharfen Stellungen hatte. Geprüft wurde Sindarov am ehesten von Caruana, ein bisschen dann auch noch von Giri. Aber da stand er bereits schon fast als Turniersieger fest.
Giri
Mit 5/7 war er Sieger der zweiten Turnierhälfte (vor dem Trio Sindarov, Wei Yi, Nakamura mit 4/7). Insgesamt war er zweiter Sieger und damit erster Verlierer. Selbst nahm er es philosophisch – „Sindarov war eben besser“. Erster/einziger Verfolger wurde er dabei auch durch Caruanas Fehlstart in die zweite Turnierhälfte. Diesen hatte er durch seinen Sieg gegen ihn in Runde 9 mit verursacht.
Mehr Spannung hätte aufkommen können, wenn er zu Beginn nicht gegen Pragg verloren hätte (es war „vermeidbar“) und wenn er seine Gewinnstellung gegen Wei Yi verwertet hätte. Generell ist sein Glas wohl „halb voll“. Zur Zukunft sagte er „für das nächste Kandidatenturnier muss ich mich ja erst wieder qualifizieren, das wird nicht einfach“.
In einer Hinsicht war er sogar „besser als Sindarov“: In der Schlussrunde bestrafte er Blübaums lange Rochade konsequent, Sindarov ließ den deutschen Spieler zuvor entwischen.
Caruana
Wie gesagt, Fehlstart in die zweite Turnierhälfte. Es begann mit seiner „traditionellen“ Niederlage mit Schwarz gegen Landsmann Nakamura. Zu WM-Zyklen sagte er „I hope to get another chance“ – etwas optimistischer als Giri? Jünger wird auch Caruana nicht.
Wei Yi
Einige hatten ihn als „Geheimfavorit“ bezeichnet. Er konnte das im Turnier geheim halten, 50% dank 2-0 gegen Esipenko. Am Ende ein „ordentliches“ Ergebnis, nicht mehr und nicht weniger.
Nakamura
Der Elofavorit erfüllte meine Erwartungen. Für den nächsten WM-Zyklus sollte FIDE den Eloplatz – wenn es ihn überhaupt gibt – an substantielle Aktivität auf hohem Niveau koppeln. Zu Beginn der Rückrunde der „übliche“ Weißsieg gegen Caruana, dann nur noch Remisen.
Die schlechte Nachricht für ihn: Elo 2800+ ist futsch. Die womöglich gute Nachricht: für ihn war es auch ein netter Urlaub auf Zypern. Wie es für ihn weitergeht weiß er selbst noch nicht.
Blübaum
Wieder ausführlicher: Weitgehend teile ich die Einschätzung von Gerald – generell solide, nicht weniger und nicht mehr. Wenn er, wie Esipenko, mehr riskiert hätte wäre es womöglich eher dessen Ergebnis. Auch so hatte ich bereits erwähnt, dass er in der zweiten Turnierhälfte Verluststellungen gegen Sindarov und Praggnanandhaa überlebte. Und das lag eher an verschossenen gegnerischen Elfmetern als an der eigenen Verteidigungsleistung.
Warum hat er zuvor (Grand Swiss und Tata Steel) gegen Weltklassespieler gewonnen und nun nicht? Ein bisschen lag es wohl auch daran, dass angesichts des früh enteilten Sindarov niemand gegen ihn den Bogen überspannte. Darauf hatte er ja spekuliert und so hätte es auch kommen können.
Ich habe mir seine „alten“ Partien auch nochmal angeschaut. Der Sieg gegen Pragg beim Grand Swiss lag daran, dass der Gegner in Zeitnot im Endspiel daneben griff. Das kommt vor, aber nicht immer (und gerade von Pragg auch nicht oft). Die anderen Siege (Erigaisi beim Grand Swiss, Keymer, Gukesh und Giri in Wijk aan Zee) tendenziell in auch vom Gegner angezettelten Komplikationen. Bei Tata Steel hatte er nur gegen die beiden Usbeken Abdusattorov und Sindarov verloren – jeweils durch einen Fehlgriff in komplizierter und dabei objektiv ausgeglichener Stellung.
„Nebenschauplatz“
Vor der letzten Runde hatte Blübaum mal wieder live-Elo 2700+, dann spielte er (auf blübaumisch) gegen Giri „wie ein Clown“ und so sind es nun wieder 2696.4. Nun kann er die 2700 bei der zentralen Bundesliga-Endrunde knacken und danach hätte er auch offiziell 2700+. Ich vermute mal, dass er dabei ist zumal Deizisau noch leichte Abstiegschancen hat. Da hat er dann womöglich Schwarz gegen Eljanov und Murzin und dann Weiß gegen Harikrishna – in der ersten Partie wird Gerald Blübaums Gegner die Daumen drücken … .
Ein Jungstar hat übrigens gerade 2700 geknackt: Yagiz Kaan Erdogmus durch einen glatten Sieg im Match gegen Altmeister Topalov. Ob der Bulgare noch genau 2700 behält liegt daran, ob Erdogmus‘ letzter Sieg (Stand im Match davor 4-1) Elo-ausgewertet wird oder nicht. Kurze Beschreibung des Matches: in den Partien konnte Topalov teilweise durchaus mithalten, insgesamt hat aber der jüngere und turnieraktivere Spieler gewonnen.
Praggnanandhaa
In der ersten Runde gewann er nachdem aus für ihn analyiserten Komplikationen eine technische Stellung entstand. Danach verlor er dreimal in Komplikationen. Ansonsten das, was er sehr gut kann: Remis spielen. Für „einen Blübaum“ ist das OK, für einen Weltklassespieler ist es zu wenig.
Esipenko
Man konnte lesen „im Kandidatenturnier eben fehl am Platz“. Aus meiner Sicht: er scheute Komplikationen nicht, wollte mehr als Blübaum und bekam weniger. Sein gesamtes Turnier (und das von Sindarov?) wäre womöglich anders gelaufen, wenn er in Runde 1 gegen den Usbeken nicht aus guter Stellung heraus komplett den Faden verloren hätte. Sindarov sagte selbst, dass er mit einer Niederlage gerechnet hatte. „Sehr schlecht“ wurde Esipenkos Turnier dann durch abschließende Niederlagen in den beiden letzten Runden.
War da noch was?
Ja, im Kandidatenturnier der Frauen ging es drunter und drüber, am Ende Lotteriesieg für Vaishali. Bruder und Schwester in WM-Matches hatte sich schon lange erledigt, ein Schachpaar (Sindarov und Assaubayeva) war am Ende die Alternative. „Siegerin“ dieses Kandidatenturniers ist womöglich …. Ju Wenjun, die alle Irrungen und Wirrungen vielleicht interessiert verfolgte und demnach im WM-Match wenig zu befürchten hat. Aber auch in diesem Match steht es anfangs 0-0.
„Wie geht es weiter?“
Einiges hatte ich über den Artikel verteilt erwähnt, generell weiterhin volles Programm in den nächsten Monaten. Heute und morgen zunächst: wer wird Europameister, und wer qualifiziert sich in Katowice für den nächsten Weltcup?