Nach Schachpolitik (wobei es dazu vermutlich weitere Artikel geben wird) mal wieder Schach. Bei der Europameisterschaft im polnischen Katowice bespreche ich mal nur die Schlussrunde und gebe das Titeldiagramm einem deutschen Spieler. Beginn einer spannenden Partie? Nein, das ist die Schlussstellung – beide Spieler haben mit hier Remis ihr Turnierziel abgesichert. Natürlich hatten sie zuvor auch einige Partien gewonnen.
Die insgesamt 500 Teilnehmer (Elo null bis 2685) hatten wohl unterschiedliche Turnierziele. Einige wollten vielleicht Europameister werden, derjenige der es dann schaffte vermutlich nicht. Schließlich war er nur Nummer 126 der Setzliste. Andere, darunter auch Alexander Donchenko, hatten womöglich vor allem das bescheidenere Ziel Platz unter den besten 20. Das bedeutete neben vierstelligem Preisgeld (fünfstellig nur für die besten drei) auch Qualifikation für den Weltcup. Andere, die derlei noch brauchten, hofften vielleicht vor allem auf Titelnormen. Mehrere Spieler schafften das, andere haben dieses Ziel (wenn sie es hatten) knapp oder auch glatt verfehlt. Und viele wollten wohl vor allem Schach spielen, gegen bevorzugt starke internationale Gegner – das liegt dann am eigenen Abschneiden im Turnier.
Kurz zum Endstand
Der Überraschungs-Turniersieger IM Roman Dehtiarov wurde bereits anderswo gewürdigt, auch die Geschichte dahinter. Pawel Eljanov wollte im Februar 2022 auch ihm die Flucht aus Charkiw ermöglichen, aber der damals 14-jährige Roman sagte im letzten Moment ab – er wollte seinen Vater nicht alleine lassen. Sein Ergebnis im Turnier war die beste Nachricht aus ukrainischer Sicht, außerdem auch Weltcup-Qualifikation für Korobov und Seniorenpreis für Ivanchuk. Der an eins gesetzte Igor Kovalenko landete auf Platz 40, auch einige andere Favoriten landeten nicht weit vorne.
Aus deutscher Sicht nebenWeltcup-Qualifikation für Donchenko und noch eine gute Nachricht: Der Hofer Armenier FM Alberto Atoyan erzielte am Ende 50%, aber da er dieses Ergebnis „von oben“ erreichte (zuvor 5,5/9 gegen bis auf Runde 1 nominell überlegene Gegner) war es eine IM-Norm. Hussain Besou war wohl mit seinen 50% weniger zufrieden. IM Tobias Kügels 6/11 waren keine gelungene Generalprobe für German Masters. Wenig erfolgreich war, relativ gesehen, auch Leonardo Costa: drei Niederlagen gegen IMs – wobei einer dann Europameister wurde und einer immerhin eine GM-Norm erzielte. EM-Titel für Dehtiarov waren übrigens auch „drei GM-Normen“ – dafür gibt es sofort den GM-Titel.
Soweit die Vorrede
Situation vor der letzten Runde: Spieler mit 8/10 hatten die Weltcup-Qualifikation berits ziemlich sicher und konnten mehr anstreben. Spieler mit 7,5/10 brauchten für dieses Ziel noch ein Remis. Für den an 3 gesetzten Bogdan-Daniel Deac reichte es nach Wertung dann nicht, er wurde 21. . Spieler mit 7/10 brauchten auf jeden Fall einen Sieg. Entsprechend waren diese Partien ausgekämpft – auch wenn in einigen die Remisbreite nie überschritten wurde. Zeitnot, vor oder auch nach dem 40. Zug mit nochmal 30 Minuten Zugabe, spielte hier und da sicher eine Rolle.
In DER turnierentscheidenden Partie war es dabei eher nicht der Fall. Zwar wurde die schwarze Bedenkzeit später knapp, aber er hatte zuvor nach reiflicher Überlegung den Bogen überspannt. Einerseits kann man sagen „Spanisch war eine gute Idee gegen einen Spanier“. Andererseits profitierte IM Dehtiarov auch davon, dass GM Anton Guijarro selbst unbedingt Europameister werden wollte?
Brett 1 IM Dehtiarov (2452) – GM Anton Guijarro (2656) 1-0

Statt 28.-Sxb3 (hier oder auch einen Zug zuvor) mit etwa ausgeglichener Stellung kam nach gut 8 Minuten 28.-f5?! 29.Ta1! f4?! – jeweils Ausrufezeichen für Siegeswille und Mut zum Risiko, und Fragezeichen weil es objektiv schlecht war. Später auch noch 32.-f3+ (wer A und B sagt muss auch C sagen), und das kam dabei heraus:

Schwarz am Zug gab auf. Zwei weiße Mehrbauern sind nicht das einzige Problem. Zwar geht nach 42.-Te7 auch 43.Txe7 Dxe7 44.Dh6+ mit drei Mehrbauern im Damen- oder gewonnenem Bauernendspiel, aber 43.Ta8+ Kh7 44.Dh3+ Dh6 45.Th8+ ist noch überzeugender.
Brett 4 GM Kacharava (2500) – GM Donchenko (2642) 1/2

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Ld3!? e6 7.0-0 Le7 8.f4 – wenn beide einverstanden sind ist diese Stellung Remis. Beide hatten sich die Weltcup-Qualifikation zuvor fast gesichert und wollten nun (auch wenn die Eröffnung es suggerierte) nichts mehr riskieren. Das ist nachvollziehbar.
Brett 9 IM Razafindratsima (2537) – GM Bjerre (2623) 1-0 0-1

Das war auch Sizilianisch, aber hier ging es zur Sache. Die ersten 10 Züge blitzten beide herunter (Theorie), dann investierten sie viel Bedenkzeit. Hier hatte Weiß noch 4 Minuten auf der Uhr, Schwarz immerhin noch 30. Materiell hat Schwarz mehr als genug für die Dame, was dann auch partieentscheidend war. Aber Weiß hat, wenn er richtig fortsetzt, die Initiative und dann sind die schwarzen Figuren unkoordiniert.
Richtig war 24.Sf6! mit vor allem zwei Varianten: 24.-Sxf6 25.Dxf6+ Kh7 26.Dd8! mit Materialgewinn, sowie 24.-Lb7 25.Se8+ Kh8 und nun eigentlich jeder Damenzug, der den Sd7 angreift ebenfalls mit Materialgewinn.
Allerdings kam 24.Df7+ (verlockend, aber nun hält Schwarz den Laden zusammen) 24.-Kh8 25.Sf6 (nun zu spät denn) 25.-Tg7! 26.De8 Te7! 27.Dxg6 Sxf6 28.Dxf6+ Lg7. Der GM gab dem IM dann noch eine „halbe Chance“, aber seine Bedenkzeit war zu knapp. So gewann der Favorit „auf Umwegen“.
Brett 10 GM Meshkovs (2532) – GM Hovhannisyan (2621) 0-1

Nun mal ein Endspiel direkt nach der Zeitkontrolle: Zuletzt kam 41.Sc6-d4? und nach 41.-Lxd4! war das Endspiel für Schwarz glatt gewonnen. Ich meine zwar zu verstehen warum, aber kann das nicht in Worte fassen. Nach stattdessen 41.Sd3 Lxc6 42.Sxc5 Lb5 steht Schwarz nur leicht besser.
Brett 13 GM Kadric (2523) – GM Santos Latasa (2610) war auch turbulent. Aber da tue ich mich (Qual der Wahl) schwer mit einem Diagramm-Moment.
Brett 14 GM Maurizzi (2608) – GM Seeman (2545) 0-1 1-0
Zwei Diagramm-Momente innerhalb weniger Züge:

Ist das ein Endspiel oder noch ein Mittelspiel? Zuvor war das schwarze Damenopfer für Turm und Leichtfigur nicht ganz Engine-korrekt, aber dann hatte er volle Kompensation und nach zuvor 36.Dh6?? mehr als das. Hier musste er „nur“ 37.-e3!! finden. 38.fxe3?? Sxe3+ und forcierter Damengewinn ist dann die einfache Variante, 38.Dxh7 Td2! 39.Dxf7+ Kd6 40.Dxg6+ Kc5 und einige Alternativen ist nicht trivial. Schwarz hatte noch 1:14 (Minuten und Sekunden) auf der Uhr und fand es nicht. Es kam 37.-Ke6 38.Dxh7 Se5 39.Dh8 Sf3 40.h4 Td1?? (das mit noch 3 Sekunden auf der Uhr)

Zeitkontrolle geschafft, Weiß fand nach gut 5 Minuten 41.Kg3! und Schwarz verwendete fast seine komplette neue Bedenkzeit für 41.-Th1 aber das half nicht mehr. Später dann von Weiß Dxb6 und danach b5-b6-b7. b8D kam nicht mehr, da Schwarz nach 53.b7 genug gesehen hatte.
Im Nachhinein dachte Schwarz vielleicht „warum nicht 40.-Se1+, Zeitkontrolle geschafft und dann weitersehen?“.
Brett 15 GM Stefansson (2512) – GM Rodshtein (2598) 1-0

Das mal vor dem entscheidenden schwarzen Fehler im 29. Zug. Nach vorangegangenen Verwicklungen war die Bedenkzeit beiderseits etwas knapp – Weiß hatte noch 5 Minuten, Schwarz noch 6 1/2 (jeweils plus Inkremente). Wenn das „Hands and Brains“ war sagte Rodshteins Teamkollege vielleicht „Springer zieht!“ und lag damit richtig. Gemeint war 29.-Sb3! aber es kam 29.-Sd3?? 30.De3+ Kb7 31.Txa6! (31.-Kxa6 32.Ta1+, funktioniert mit schwarzem Gaul auf b3 natürlich nicht). Alles andere verliert für Schwarz ebenfalls.
Der Weißspieler ist übrigens Vignir Vatnar Stefansson (*2003), nicht Altmeister Hannes Stefansson (*1972) der im Turnier auch mitspielte.
Brett 24 FM Zlatkov (2299) – GM Andersen (2562) 1-0

Materiell ist es ausgeglichen, aber Weiß hat die viel aktiveren und besser koordinierten Figuren (auch der König!). Es kam noch 42.-f5 43.Lxf5 1-0. So Weltcup-Qualifikation und GM-Norm für den an 254 gesetzten Spieler aus Nord-Mazedonien, Baujahr 2007.
Ich hatte das alles live verfolgt mit was die Spieler natürlich nicht hatten: Livekommentar von Stockfish. Auch als Zuschauer war es spannend, dabei weniger nervenaufreibend als wohl für die Spieler.