Ich will mal wieder etwas gute Laune verbreiten, und Schach interessiert mich persönlich ohnehin (noch) mehr als Schachpolitik, International wird zum Sardinia World Chess Festival womöglich vor allem die (denkbar knappe und aus meiner Sicht etwas glückliche) dritte GM-Norm eines jungen Medienlieblings erwähnt. Aber ich betrachte das Turnier durch die allgemeine und auch die deutsche Brille. Der Sieger wird bereits im Titel genannt. Frederik Svane war immerhin Nummer 5 der Setzliste aber zwei Spieler hatten Elo 2700+. Ich erwähne auch glattere GM-Normen für zwei Teenager. Faustino Oro wird ja erst in gut fünf Monaten 13, wobei für Statistik jeder einzelne Tag zählt. Nun ist sein „GM-Alter“ vier oder fünf Tage jünger als Karjakin und etwa 20 Tage jünger als Gukesh.
Als Titelfoto mal eines vom offiziellen Hotel. Es war sicher eine nette Umgebung, dabei offenbar ein recht teurer Spaß. Konditionen gab es laut Turnierseite nur für Spieler mit Elo 2600+ (10 von 160). Und nun der Endstand vorne (bis auf einen alle GMs): Frederik Svane 7,5/9, Martirosyan, Nepomniachtchi, Garibyan 7, Jacobson, Karthikeyan, Yilmaz, IM Kuru, Maghsoodloo, Prraneeth, Lodici, Idani, Sokolovsky, Zeng Chongsheng 6,5, usw. . Armenien, Indien, Türkei und Iran (wobei Maghsoodloo sich wohl mehr ausgerechnet hatte) sind da doppelt vertreten. Außerdem tauchen auf Deutschland, Fidestan, USA, Gastland Italien, Israel und China. Aus der Türkei der etablierte („alte“) Mustafa Yilmaz ganz knapp (ein halber Buchholzpunkt) vor Attila Kuru, „Generation Christian Glöckler“. Ein Teenage mit GM-Norm ist hiermit bereits erwähnt.
Dahinter …
Von elf Spielern mit 6 Punkten erwähne ich Faustino Oro – Ziel wohl erreicht, aus meiner Sicht ohne zu glänzen aber Jubelarien wird es trotzdem anderswo geben. Und den an drei gesetzten Ivan Saric- Ziel wohl nicht erreicht. Von vielen Spielern mit 5,5 Punkten erwähne ich nur den klar wertungsbesten IM Mukhammazokhid Suyarov, Usbeke Baujahr 2009 – dazu später mehr wobei ich den Vornamen nicht wiederhole.
Tie (Gleichstand an der Spitze) war im Lauf der letzten Runde denkbar. Daraus wurde dann nichts wegen TIE (Tücken in Endspielen) – ein von mir neu definiertes deutsches Akronym, Leitmotiv des restlichen Artikels. „Runde für Runde“ ist nicht machbar. Ich beginne mit der vorletzten Runde und werde dabei für einige Spieler einstreuen, was sie zuvor erlebt hatten. Und es wird wieder diagrammatisch
Runde 8

Das ist, im Gegensatz zu den weiteren Diagrammen, kein Endspiel. Es ist die Schlussstellung von IM Suyarov – GM Frederik Svane 0-1. Suyaorv hat zum Glück keinen Namensvetter – wie gesagt, den langen Vornamen will ich nicht nochmals ausschreiben. Weiß gab auf wegen „Damenfang“, zuletzt parierte 37.-Dd2-h6 die Drohung 38.Tg6#. Ohne Damen auf dem Brett wäre es ein hoffnungsloses Endspiel. Die weiße Dame hat zwar noch zwei Felder auf der siebten Reihe, aber das verliert einzügig. Frederik Svane zeigte sich (Spanisch mit -Lc5) unternehmungslustig und bekam ab etwa dem 28. Zug Oberwasser. Zuvor hatte er gegen IMs fleißig gepunktet, auch gegen Attila Kuru, sowie zwei vielleicht nicht allzu gehaltvolle Remisen gegen die GM-Kollegen Jacobson und Martirosyan.
Suyarov hatte zuvor 100% gegen Nicht-GMs und immerhin 2,5/4 gegen GMs – keine schlechten: Sieg gegen Dardha sowie Remisen gegen Martirosyan, Maghsoodloo und Nepomniachtchi. In der letzten Runde wurde er dann mit Russisch (!?) Opfer gegnerischer Eröffnungsvorbereitung: der andere Iraner Pouya Idani blitzte 22 Züge herunter und hatte dann zwar einen Turm weniger aber „am Horizont einen Mehrkönig“. Zukünftige Schwarzspieler wissen nun wohl, dass sie im 13. Zug ggf. selbst eine Qualität opfern müssen mit guter Kompensation. Für Suyarov war es dennoch eine GM-Norm, TPR 2607 nur scheinbar knapp. Qua TPR war er beim größeren der beiden Grenke A-Opens, das mit bekannter Anfangsstellung, noch besser – als Turniersieger TPR 2729, aber in neun Runden nur zwei großmeisterliche Gegner und damit keine GM-Norm.
Vorübergehend hatte Frederik Svane damit vor der letzten Runde die alleinige Führung im Turnier, bis das passierte:
TIE Teil 1

GM Smirin – GM Karthikeyan, ein Brett höher da der Inder vor dem Turnier leicht elobesser war als Frederik Svane. Stellung nach 75.-Sd4, diese Konstellation (schwarzer c-Freibauer und gegenseitig blockierte g-Bauern) seit dem 54. Zug. Zuvor hatte Karthikeyan mal kurz eine Gewinnstellung aber konnte „die Studie nicht komplett lösen“ – nur der (wohl auch für den Gegner) überraschende erste, aber nicht der relativ einfache zweite Zug. Er spielte, durchaus plausibel, danach weiter weiter immer weiter, und nun: Weiß am Zug, was tun?
Das ist das Territorium allwissender Tablebases, daher lege ich mich fest: nur 76.Le8 hält Remis – Weiß braucht das Feld f7 und/oder g6 für seinen Läufer. Aber es kam 76.Lc8?? – zuvor musste Smirin auch mal seinen g-Bauern verteidigen, aber nun war er nicht angegriffen. Schwarz fand vier einzige Züge: 76.-Kc4 77.La6+ Kb3 78.Ld3 c2 79.Kd2 (auf Läuferzüge kommt 79.-Kc3) 79.-Kb2

0-1
Das hatte Konsequenzen für die Auslosung der letzten Runde. Frederik Svane spielte so gegen Karthikeyan, nicht etwa heruntergelost gegen Nepomniachtchi oder Maghsoodloo. Und Faustino Oro bekam seinen „Wunschgegner“ Nepomniachtchi und nicht etwa Maghsoodloo. Wunschgegner weil er sich gegen Nepo (2729) auch eine Niederlage erlauben konnte für TPR 2601, gegen Maghsoodloo (2710) wäre es dann dagegen TPR 2599 – zu wenig.
Faustino Oro hatte einschließlich dieser Runde 4,5/5 gegen FMs und IMs und drei Remisen gegen indische GMs. Gegen IMs profitierte er einmal von einem groben gegnerischen Bock im Endspiel, und was sein Gegner in Runde 8 machte kommt später. Gegen GMs stand er gegen Karthikeyan und Mendonca zwischendurch mal klar schlechter.
Weiteres aus Runde 8
Aus der Preisgeldzone noch erwähnt GM Mendonca (2613) – GM Gharibyan (2477) 0-1. Das hätte auch Diagramme verdient, aber ich habe mich ja für „TIE“ entschieden. In beiderseitiger Zeitnot (jeweils praktisch nur noch das Inkrement) konnte erst Weiß hübsch gewinnen, bekam einen Zug später eine zweite Chance aber landete dann in einer Verluststellung. Auch hier entschied ein c-Freibauer. Danach verzichtete Leon Luke Mendonca auf die letzte Runde.
Runde 9
Ich beginne oben, auch wenn es so nicht ganz chronologisch ist. Am Spitzenbrett Frederik Svane – Karthikeyan war klar: der Sieger wird alleiniger Turniersieger, ein Remis bedeutet den geteilten Turniersieg, eventuell mit weiteren Spielern. Dann greift Buchholz, und Preisgeld wurde offenbar nicht geteilt (auch kein Hort-System) sondern nach Buchholz-Tiebreaks vergeben. Da hatte Karthikeyan relativ gute, und Frederik Svane vergleichsweise schlechte Karten. Es begann mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 (Berliner Mauer) 4.0-0 Sxe4 5.Te1 (zwar nicht das wohlbekannte Kurzremis, aber doch die „Baldrian-Variante“ – Ball flach halten). Remis schien sich anzubahnen, dann bekam Svane doch Oberwasser aber fand nicht die genauesten Züge und wieder war es remislich. Und dann
TIE Teil 2

Der schwarze König musste sich von seinen Bauern entfernen, um einen weißen Mehrbauern auf d4 zu verhaften. Nun ist es Remis, aber nur nach 50.-Tg2 – weiter den weißen g-Bauern beäugen (51.Txf7 kann Schwarz ohnehin nicht verhindern, aber nach 51.-Ke6 bleibt es Remis). Mit noch 2 Sekunden auf der Uhr spielte Karthikeyan 50.-Th1??. Svane hatte anfangs nur etwas mehr Bedenkzeit, später manchmal auch nur noch das Inkrement. Er fand eine Reihe einziger Züge: 51.Kg5! Tg1 52.g4! Tf1 53.gxh5! Tg1+ 54.Kh6! gxh5 55.f4! Tg8 56.Kxh5! Th8+ 57.Kg5 Ke4 58.Txf7 Tg8+ 59.Kf6 Th8 60.f5 Txh4 61.Kg5 Th1 62.Te7+ Kd5. Ausrufezeichen setzte ich, wenn es der einzige Gewinnzug war.

1-0 – Spiel, Satz und Turniersieg für Frederik Svane. 62.-Kd5 war vielleicht nach der schwarzen Aufgabe, um der DGT-Software das Ergebnis anzuzeigen. Danach dann noch Kg5-e4 aber das ist doppelt regelwidrig: ein König ist kein Springer und darf sich seinem Kollegen nicht direkt nähern.
Dahinter
Brett 1 war auf Elo-Augenhöhe (vor dem Turnier 2645 zu 2648, nach dem Turnier ist Frederik Svane „der etwas bessere Spieler“). Brett 2 Nepomniachtchi (2729) – Oro (2528) dagegen nicht. Der Argentinier/Wahl-Spanier zeigte was er kann: Theorie (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.f3!? usw.) herunterblitzen, und auch nach Nepos Neuerung 15.Sd2 schaffte er noch 8 gute Züge und griff erst im 23. Zug daneben. Danach dauerte es zwar noch gut 30 Züge, aber das Ergebnis 1-0 zeichnete sich bereits ab.
Brett 3 Maghsoodloo (2710) – Prraneeth (2515) unter ähnlichen Vorzeichen, aber hier stand Weiß nie besser und zwischenzeitlich gar etwas schlechter, dann Remis. Beide bekamen so noch dreistelliges, aber kein vierstelliges Preisgeld.
An Brett 4 Velten (2487) – Martirosyan (2636) ging es drunter und drüber, beide standen mal klar besser. Dann verschmähte Weiß eine Zugwiederholung, die Schwarz wohl akzeptieren musste. Und dann (vor der Entscheidung an Brett 1)
TIE Teil 3

Der schwarze Turm auf g7 steht scheinbar etwas dumm herum. Der weiße Turm ist angegriffen, wohin mit ihm? Richtig war 54.Ta4 oder auch 54.Ta6+, aber es kam 54.Ta8?? (schwarzer Turm steht dumm herum?) Txg4! 55.Kxg4 c3 56.Tc8 Lc5 usw. – wieder war ein schwarzer c-Freibauer partieentscheidend. Später spielte Weiß auch nach 65.-c1D noch etwas weiter, aber nach 70 Zügen hatte er genug gesehen.
Einen habe ich noch, aus einer oder zwei anderen Preisgeldzonen:
TIE Teil 4

Das ist Brett 18 WFM Aamukhta Guntaka (2152) – IM Niedbala (2378). Schwarz hatte irgendwann mal auch Elo 2400+ (jedenfalls mal live), sonst wäre er ja kein IM. Weiß ist Baujahr 2012, also älter als Oro (*2013) aber jünger als viele andere im Turnier und überhaupt. In Zeitnot erinnerte sie sich vielleicht an eine Lektion ihres Trainers – Freibauern müssen laufen (passed pawns have to be pushed). Keine Regel ohne Ausnahmen, hier bekam jeder Bauernzug ein Fragezeichen von Stockfish: 60.b4?? (60.b3 war, wie vieles andere, OK) 60.-Td3! 61.b5? Tc1 62.b6 Tc2+ (verhindert ja 63.b7) 63.Kb1 Tb3+ 64.Ka1 Kc1!

Weiß gab auf. Sie konnte noch thematisch 65.b7 versuchen und hoffen, dass der Gegner sich angesichts der Qual der Wahl zwischen -Tb1# und -Ta3# nicht entscheiden kann und die Bedenkzeit überschreitet.
So für die junge Inderin nur TPR 2440, also keine IM-Norm, und nur der dritte Damenpreis. Auf der Habenseite neben diesen immerhin noch 600 Euro auch (mit K-Faktor 40) 121 Elopunkte sowie, da weiblich, eine WGM- und auch eine WIM-Norm.
Der polnische IM bekam so den ersten Ratingpreis <2400 (500 Euro). Tags zuvor hatte er bereits zur Schachgeschichte beigetragen: gegen einen gewissen Faustino Oro vergab er zunächst seinen Vorteil und zog dann einige Zeit nur noch Tc1-c2-c1-c2-c1-c2. Schwarz konnte in aller Ruhe seine Stellung verstärken und die Partie gewinnen.
Auch das noch
Es ging ja auch um Punkte für den FIDE Open Circuit und damit um Qualifikation für die Pilot-WM im totalen Schach. Noch ist es hier nicht berücksichtigt („Tournaments with >50 players“ auswählen“, wobei es auch für den Gesamt-Circuit zählt). Martirosyan und Nepomniachtchi waren da bereits im Rennen und konnten sich verbessern, Frederik Svane hatte zuvor noch keine Circuit-Punkte und verbesserte sich auch. Wie es da weitergeht, da bin ich allerdings überfragt und recherchiere auch nicht.