Symbolbild Schachtraining. Bild: Brunthaler
Es scheint keine allgemeine Definition des Begriffs „Schachtraining“ zu geben, lediglich solche zu Teilbereichen wie „Endspiel- / Eröffnungstraining“ etc. Es gibt eine Unzahl von Bereichen unter diesem Dach und wir können hier nur auf einige wenige eingehen.
Eine wichtige Unterteilung ist, ob es sich um (überwiegend) autodidaktisches Training oder solches unter regelmäßiger Anleitung handelt. Aber auch bei diesem müssen wir wieder unterscheiden, und zwar:
Der Schachlehrer, u. a. Schulschach, der Grundlagen vermittelt.
Der Trainer, der mit Spielern (oder auch kleinen Gruppen) individuell arbeitet und sie u.a. für Turniere vorbereitet; eventuell auch dort betreut.
Der „Coach“, der Spieler umfassend betreut und, wenn nötig, neben der Arbeit am Schach auch auf die Persönlichkeit des Spielers eingeht (einfache Schachpsychologie).
Die Rolle der Schachpsychologie wird erheblich unterschätzt, oft nur dem Spitzenschach zugeordnet (s. WM-Match Bobby Fischer – Spasski in Reyjavik oder Karpov – Kortschnoi in Baguio). Doch im unteren Bereich spielt Psychologie oft eine entscheidende Rolle, kann die Entwicklung erheblich verlangsamen oder sogar blockieren. Hier ein Beispiel dafür.
Ein hochbegabter Junge, Überflieger in der Schule, dem alles gelang, was er anpackte. Seine Eltern waren zwar erfreut, aber auch etwas besorgt und hatten die kluge Idee, ihn Schach lernen und bald auch turniermäßig spielen zu lassen, in der Hoffnung, dass er dadurch etwas zurechtgestutzt würde. Doch der Schuss ging nach hinten los. Er machte schnelle Fortschritte und war bald einer der Besten seiner Altersklasse. Doch, als er dann öfter gegen stärkere Gegner spielte, gab es eine böse Überraschung. Nach einer Niederlage knickte er ein, verlor oft die folgende Partie, war auch in der übernächsten noch angeschlagen, was natürlich seinen Aufstieg bremste. Der Rückschlag, den er sein junges Leben lang nie erfahren hatte, brachte sein Selbstvertrauen übermäßig ins Wanken. In solchen Fällen hilft nicht mehr Training, sondern man muss die Ursachen analysieren und mit Mitteln der Psychologie versuchen, sie zumindest abzumildern. Das erfordert eine Gesprächstherapie, übersteigt aber die Möglichkeiten der meisten Trainer bei weitem und kann bei ungeschicktem Vorgehen sogar mehr schaden als nutzen.
Ich bin darauf im „Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer“ Band 2, und in „SchachTraining“ eingegangen, was für Interessierte ein Einstieg sein kann.
Auch Zeitnot, Entschlusslosigkeit, Nervosität in kritischen Partiephasen ist oft psychologisch bedingt.
Die Anforderung an Trainer/innen, die die der Regionalkonferenz des“10.000 €-Projekts“ in Lehrte gestellt wurde, ist völlig unmöglich:
„Deutlich wurde in den Diskussionen, dass es eine wichtige Aufgabe ist, das Selbstbewusstsein der Mädchen zu stärken, um zum einen sich im männerdominierten Schach zu behaupten, und zum anderen sich dem Wettkampf zu stellen. Bei dieser Aufgabe kommt den Trainern und vor allem den Trainerinnen eine große Bedeutung zu. Sie haben generell, aber vor allem im Mädchenbereich, mehr Aufgaben als nur das reine Schachwissen zu vermitteln. Sie müssen sich der Aufgabe stellen, die Persönlichkeiten der Mädchen und Frauen zu stärken.“
Ein eindeutiger Fall von „Coaching“. Das zeugt von völliger Realitätsferne und Unwissen, denn eine solche Aufgabe können wohl nur wenige Trainer erfüllen und dies auch nur im Einzel- oder Kleinstgruppentraining. Auch fehlt für diese Zusatzaufgabe selbst eine minimale Ausbildung. In manchen Trainierlehrgängen (s. FIDE Trainerlehrgänge) finden wir zwar einen Vortrag zur richtigen Ernährung beim Turnier, aber wenn dann nur wenig über Schachpsychologie. Und noch ein anderes generelles Problem, das besonders neue Trainer/innen betrifft:
„Ein Problem im Vergleich von Schach und vielen Körpersportarten ist, dass die Mehrheit aller Schachspieler nie einen richtigen Trainer hatte. Ein Fußballer z. B. kann leicht die Rolle eines Trainers übernehmen, da er jahrelange solche in seinem Umfeld gesehen und daher eine Vorstellung hat, wie man ein Training durchführt, Spieler behandelt, Probleme angeht etc. und das nun einfach nachmachen kann.“ (aus „SchachTraining“, S.346)
Ohne solche praktische Erfahrung / Anleitung ist es schwer, als „Trainer-Einsteiger“ die richtige Vorgehensweise zu finden. Dies zu ändern wäre wichtig, allerdings eine Aufgabe über 10 oder 20 Jahre und setzt ein gezieltes, mit Expertise untermauertes Vorgehen voraus.
Da wir uns besonders mit dem Training der jüngsten Jahrgänge und der Mädchen beschäftigen wollen, sind meist nur die beiden ersten Rollen relevant, nämlich Schachlehrer und Trainer.
Oft scheint es Unklarheit zu geben, was Training und was Leistungstraining ist. Ich denke, dass ein Training, das auf das Niveau des Durchschnittsspielers führt (ca. DWZ 1.500) und auch noch auf ca. DWZ 1.700 /1.800 (Grenze zu den besten 20% der Turnierspieler und Beginn von erweitertem Eröffnungstraining) kein Leistungstraining sein kann. Es entspricht eher der erweiterten Grundschulausbildung und dieses Niveau ist noch relativ leicht erreich- und erlernbar. „Deliberate practise“ jedoch, wie es in der Psychologie heißt, ist Training, das stark anstrengt, an die Grenzen der Erschöpfung geht. Hier wird sich sicher Widerspruch regen. Okay, man kann ja alles als „Leistung“ betrachten, sollte aber im Sport die Messlatte nicht zu tief hängen.
Eine Frage ist, ab wann Girls eigenständig trainieren können / wollen und wie verbreitet Selbsttraining in diesen Altersklassen ist. Ich ging bei meiner Broschüre „Schachtraining für Girls (2)“ und der folgenden (3) von ca. 10 Jahren aus. Es wäre aber wichtig, dies durch Befragung zu überprüfen, da Lehrstoff und Präsentation der jeweiligen Altersgruppe angepasst werden sollten- Ein Vergleich zu den Trainingsgewohnheiten könnte klären, warum der Spielstärkeunterschied schon in diesem frühen Alter auftritt; tatsächlich sogar besonders krass ist.
Wieder sind die Erfahrungen und Ideen der Leser gefragt. In der nächsten Folge werden wir dann einige weitere Probleme betrachten und überlegen, wie eine Datenbasis für das Training in der U8 geschaffen werden kann.
Ich kenne viele Autodidakten, die nie einen richtigen Trainer hatten, und trotzdem Höchstleistungen im Schach erzielten: GM Kindermann, GM Bischoff, GM Hickl, GM Hertneck, wohl auch GM Schlosser. Gut vor 40 bis 50 Jahren, das waren andere Zeiten. Man bildete sich eben selbst fort!
Autodidakt war ich auch, wennauch kein GM zum Schluss, ds hatte andere Gründe.
Ich kann mich erinnnern, wie zweimal in meiner Schachentwicklung ein Groschen fiel, buchstäblich. Jedes Mal machte ich da einen Schritt.
Es wird wohl so sein, dass ein geeigneter Trainer mehr solcher Steps auslösen kann. Und auch früher.
Es scheint eine zu beengte Sicht auf den Begriff „Schachtrainer“ zu geben, die nur Lektionen oder Sitzungen mit einem Trainer umfasst. Viele Schachfreunde glauben, ganz ohne Trainer eine gewisse Spielstärke erreicht zu haben. Aber ich kennen nur „Einen“, der das wirklich von sich behaupten kann, und das ist AlphaZero, das Künstliche Intelligenz (KI) anwendet und selbstlernend ist. Durch Spielen von 800.000 Partien gegen sich selbst erlernte es Schach und steigerte sich dabei in wenigen Stunden auf eine bis dahin unerreichte Spielstärke. Menschen dagegen verbessern sich nur wirklich durch Feedback aus dem Umfeld, das auch eine Art von Trainer sein kann. Nehmen wir ein Beispiel auf höchster Ebene, und zwar den sagenhaften Bobby Fischer (*1943).
Er hatte nur als kindlicher Anfänger einiges Training vom Vereinsvorsitzenden Carmine Nigro. Ab 1956 besuchte er den privaten Klub von Jack Collins. Hier traf er regelmäßig auf einige der besten Spieler der USA, so Donald und Robert Byrne, Irvin Chernev, William Lombardy (Jugendweltmeister 1957 mit 11 aus 11) und vielen anderen starken Spielern. Dies und die Möglichkeit, die riesige Schachbibliothek seines Mentors Collins zu nutzen, brachte ihn schnell vorwärts auf dem Weg zum jüngsten Großmeister aller Zeiten im Alter von 15 Jahren. Bobby hatte nach der frühen Kindheit nie einen „richtigen“ Trainer, der ihm Lektionen gab o. dgl., sondern ein Umfeld, dass ihn anregte und unterstützte, Total Immersion und Material in Form der Bücher. Das ersetzte ihm einen Trainer, heißt aber nicht, dass er nie „Trainerleistungen“ erhalten hat.
Solche „Trainer“ findet man auf allen Ebenen. Ein mitleidiger Schachfreund, der einem jungen Novizen etwas erklärt, Hinweise nach Partien, Zuschauen und später mitmachen bei Analysen der stärkeren Spieler, einen Ratschlag, Buch- oder Trainingsempfehlung usw. Ein guter Verein ist in formloser Weise auch ein guter Trainer.
Ein Schachfreund denkt, man brauche keinen Trainer, sondern könne mit Puzzles und Videos im Internet darauf verzichten. Aber auch das sind Trainerleistungen, denn die muss ja jemand zusammengestellt / gemacht haben, eine Art „geronnene Trainerleistung“.
Ein Punkt, der gerne übersehen wird, ist die Entwicklung des Schachs in den letzten 40-50 Jahren. Mehr und bessere Bücher, Chessbase (ab 1987, unter WINDOWS ab 1994), Engines … Schach ist komplexer geworden, das Niveau ist gewaltig gestiegen, selbst schwache Spieler sind schwerer zu schlagen, da sie sich hinter angelernten Eröffnungen verschanzen, weniger grobe Fehler machen und durch Online Spielen mehr Praxis haben. Dr. Reefschlägers Spott „Vielleicht finden wir ja in einigen Jahren Chessbase in der Kreisklasse“ ist mehr als Realität geworden.
Zwar steht dem Autodidakten eine Unmenge an Material zur Verfügung, doch ist es schwer, das richtige auszuwählen und den besten Weg aufwärts zu finden und, ohne zumindest Feedback durch andere Spieler geht nicht viel. Wieviel hat jeder, der glaubt, nie einen Trainer gehabt zu haben, davon erfahren?
Wohl kaum jemand, der heutzutage Großmeister wird, hat dies ohne Hilfe eines Trainers erreicht.
Man mag darüber spekulieren, ob ein Vereinsspieler der einem Anfänger Schach beibringt, ein Trainer ist, oder nur ein barmherziger Schachfreund. Ein Trainer sollte eigentlich immer jemand sein, der gezielt trainiert, wo schon die Basis beim Empfänger vorhanden ist. Ansonsten ist er nur ein Unterrichter. Jedenfalls von einer höheren Warte aus gesehen.