Da Gerald Hertneck wohl vor Ort in Berlin beschäftigt ist, schreibe ich mal was zum Abstiegskampf in der Bundesliga. „Bio-Bundesligisten“ stammt aus einem Artikel beim Schachbund, Autor (mw) ist wohl weiterhin Matthias Wolf. „Fernduell“ ist relativ, die beiden Teams spielten ja nur einige Meter voneinander entfernt. Zu Beginn der zentralen Endrunde trafen die Reisepartner aufeinander. Derlei Duelle mit Heimrecht für eines der beiden Teams und kurzer Anreise für Fans beider Mannschaften, das war einmal. Dabei gab es auch nur vielleicht drei Derbies und keines mit langjähriger Rivalität der beiden Vereine, da einer der beiden auf Bundesliga-Ebene ein „Emporkömmling“ ist.
Sortiert wie im Ergebnisdienst war es Solingen-Düsseldorf, Werder Bremen-Kirchweyhe und Hamburger SK-St. Pauli. Zugzwang und Bayern München hatten ja mit Deizisau und Deggendorf unterschiedliche Reisepartner, ich habe mal nicht recherchiert wann es zuletzt zwei Berliner Bundesliga-Vereine gab.
Vorbemerkungen
Das Ganze schreibe ich als ehemaliger Münchner eher durch die Münchner Brille. Klassenerhalt für beide Teams geht wohl nicht, da es nach wie vor zwei reguläre Absteiger gibt. Einen wird es erwischen, wen ist weiterhin unklar oder noch unklarer als zuvor.
Die erste Information vor Ort sind die Mannschaftsaufstellungen einige Stunden vor Rundenbeginn. Zugzwang hatte da vielleicht „Pech“, dass Deizisau fast in Bestbesetzung antrat. Das war zuvor in engen Matches gegen die anderen Abstiegskandidaten nicht der Fall. Konkret fehlte bei Deizisau demnach u.a. Rustem Dautov, der zuvor immer spielte und mit 4/12 (TPR 2382) keine gute Saison erwischte.
Kurz mal zum „Meisterschaftskampf“: der andere Südwest-Verein OSG Baden-Baden spielte noch mehr „oben ohne“ als zuvor diese Saison. Von den 8 „Stammspielern“ erschien nur Vishy Anand, erstmals diese Saison. Zuvor hatte nur Vachier-Lagrave „regelmäßig“ gespielt: 6 von 12 Partien, das ist auf viernheimerisch regelmäßig – Dinara Wagner wurde fünfmal eingesetzt. Nun lag es vielleicht auch daran, dass einige lieber Schnellschach im Internet auf chess.com spielten. Das galt auch für Viernheim, aber die konnten es eher (dabei auch nur gerade so) kompensieren.
Ob es bei den Aufstellungen Überraschungen gab, sei dahingestellt. Die gab es dann wohl an einigen Brettern bei den Eröffnungen, an anderen Brettern eher nicht.
Aus Sicht eines Internet-Zuschauers kurios: Partien werden mit 15 Minuten Verzögerung übertragen, aber Ergebnisse erscheinen im Ergebnisdienst nach Partieende sofort . Manchmal passten sie dann nicht zu den zu diesem Zeitpunkt Internet-öffentlich bekannten Stellungen.
Zusammenfassung von Dresden-Berlin und Zugzwang-Deizisau
In beiden Matches lag ein Team relativ schnell zwei Punkte vorne bzw. das zeichnete sich ab, aus Sicht von Zugzwang war es jeweils „das falsche Team“. Für Zugzwang ging es dann noch weiter bergab, im anderen Kampf fiel die Entscheidung (oder auch nicht) erst in der allerletzten von insgesamt 64 Partien dieser Runde. Schachlich wurde einiges geboten: ungewöhnliche Eröffnungen, ungewöhnliche Materialverteilungen, …. . Die Qualität einiger Partien war vielleicht durchwachsen, es war eben Abstiegskampf. Andere Partien endeten korrekt Remis. Ob man auf dem Brett eine Qualität mehr oder weniger hatte spielte nicht unbedingt eine Rolle. Eine andere, im Schachtraining allenfalls selten erwähnte Regel wurde von zwei Spielern nicht beherzigt: aaa auf den a-Bauern aufpassen ist oft eine gute Idee. Da es früher entschieden war behandle ich nun zunächst Zugzwang-Deizisau:
Zugzwang-Deizisau 2-6
In dieser Höhe „musste es nicht sein“, aber ein Mannschaftspunkt für Zugzwang schien nie denkbar. Die Spitzenbretter Eljanov-Blübaum (Damengambit Abtauschvariante) und Kollars-Costa (geschlossen Katalanisch) neutralisierten sich, Stockfish lobte alle vier Spieler für fehlerfreies Schach. Die Vorentscheidung fiel an Brett 8 und dann 4.
Brett 8 IM Köllner – GM Kjartansson 1-0

Bereits im 8. Zug griff der Isländer in einer etwas unorthodoxen Stellung daneben. Die Rückentwicklung 8.-Sfd7 war vielleicht „thematisch“, hier war die Konsequenz nach 9.La3! Lxa1 10.Dxa1 Qualitätsgewinn und Stellungsverlust. Richtig war hier 8.-Sbd7 – Weiß behält zwar seinen Mehrbauern aber Schwarz hat Kompensation.
Brett 4 GM Dardha – GM Kunin 1-0
Da könnte man auch 2-1 sagen: Weiß stand klar besser – viel Kompensation für zwei Bauern. Dann fand er nicht die richtige Fortsetzung und stand schlechter, das obwohl er eine Qualität eingesammelt hatte. Dann verlor Kunin in gegnerischer Zeitnot die Übersicht:

Es folgte 26.-Ld4? 27.Lxa4 (Turm angegriffen, wohin?) 27.-Te2?? 28.Tb8+ 1-0 wegen 29.Tf8+, 30.Te8+ und 31.Txe2.
Fast jedes andere Feld für den Te8 war besser, und zuvor war 26.-Lc6 besser – „auf den a-Bauern aufpassen“. Stockfish hat auch noch 26.-a3 27.Txd5 a2 28.Tf1 (o.ä.) 28.-a1D – das kostet zwar auch den a-Bauern, aber Schwarz verkauft ihn teuer.
Das war jeweils vor der Zeitkontrolle (Brett 8 nach 31 Zügen), der nächste Unfall direkt danach:
Brett 3 GM Horvath – GM Gledura 0-1

Warum das ein ungewöhnliches Damenendspiel ist muss ich wohl nicht erklären. Vier Damen sieht man nicht alle Tage (oder Wochen oder Monate oder auch Jahre). Nun kam 43.Dh1?? „Dame in der Ecke bringt den eigenen König zur Strecke“ 43.-Df7+ 44.Kg5 De7+ 45.Kf5 Da6! „ohrenbetäubend still“ 46.Dhh8 die andere Ecke, deckt Feld f6 aber 46.-Df1+ 0-1.
45.Kg4 funktioniert hier auch nicht wegen 45.-De2+. Nun auf 46.Df3 Dg7+ 47.Kh4 übrigens nicht 47.-Dxf3?? (warum darf der Leser selbst herausfinden) sondern 47.-De1+ nebst Matt.
Das hätte aber nach 43.Dd1 funktioniert. Zuvor konnte Weiß auch ein Dauerschach anstreben, angesichts der Situation im Match wollte er womöglich mehr und bekam weniger.
Dass dann auch noch der Deutsch-Österreicher Stefan Kindermann ein schlechteres aber remisliches Endspiel gegen GM Moussard verlor (entscheidender Fehler im 71. Zug, beide lebten von Bonussekunden) spielte keine Rolle mehr. Oder vielleicht später doch? Siehe unter „Wie geht es weiter?“.
Berlin-Dresden 4-4 (Zwischenstand 4-2)
Da fiel die dann „vermeintliche“ Vorentscheidung an Brett 1 und 8.
Brett 1 GM Bartel – GM Moranda 0-1
Aus diesem polnischen GM-Duell zeige ich auch mal die Stellung nach sieben Zügen:

Was ist das denn? Freestyle-Chess jedenfalls nicht, die zahlreichen nicht entwickelten Figuren stehen ja auf den „richtigen“ Feldern. Etwa ein ungewöhnliches Abspiel der Orang-Utan Eröffnung (1.b4)? Nein, es begann mit 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.Ld3!? (das gibt es auch) 3.-Sc6 4.0-0 g5!? (von Engines empfohlen und bekannt) 5.c3 g4 6.Se1 h5 7.b4!? – offenbar neu aber in ähnlichen anti-sizilianischen Stellungen einigermaßen bekannt.
Weiß kam mit der Stellung zunächst besser zurecht. Zu viele Diagramme will ich auch nicht setzen, im (verflixten?) 13. Zug war 13.e5 vorteilhaft, aber er spielte 13.f5. Dann wurde es ein Endspiel oder eher damenloses Mittelspiel, der entscheidende Moment nach 25.-Ld5:

Schwarz zeigt Interesse am weißen a-Bauern, Weiß ignoriert das und re-zentralisiert seinen Läufer mit 26.Ld3. Warum er ihn zuvor mit 22.Lh7 (ohne einen Bauern zu schlagen) ins Abseits beordert hatte erschließt sich mir nicht, aber ich verstehe diese Stellung ohnehin nicht und bin auch kein Großmeister. Der schwarze Mehrbauer nach 26.-Lxa2 war eher nicht partieentscheidend, aber er hatte danach die viel besseren Figuren. „Auf den a-Bauern aufpassen“ (26.Sc3) war die bessere Wahl mit etwa ausgeglichener Stellung.
Brett 8 IM Schneider – GM Tischbierek 1-0
Duell zweier deutscher Spieler, die vielleicht vor allem anderweitig bekannt sind – Raj Tischbierek ist Schachjournalist, Ilja Schneider ist ehemaliger Schachblogger. Der IM war nach aktueller Elo leicht favorisiert.
Ich tue mich schwer mit einem (oder mehreren) diagrammwürdigen Moment(en) und schreibe mal nur: Weiß gewann eine turbulente Partie mit ungewöhnlicher Eröffnung.
Auch in diesem Match gab es zwei (ziemlich) korrekte Remisen, Brett 4 und 7. Aber ansonsten ging es drunter und drüber. Nicht unbedingt chronologisch: Worauf beruhten die Dresdner (und Münchner) Hoffnungen? Am ehesten auf Brett 2 (klappte dann nicht) und Brett 5 (klappte auf langen Umwegen).
Brett 2 GM Tomczak – GM Vogel 0-1? 1-0
Roven Vogel hatte eine Qualität geopfert und dafür einige Zeit klare Überkompensation. Nach der Zeitkontrolle war der Vorteil dahin, und plötzlich bei „noch laufender Liveübertragung“ im Ergebnisdienst das Ergebnis 1-0. Wie sich später herausstellte war die Remisbreite innerhalb der letzten 15 Minuten zugunsten von Weiß zweimal überschritten – das erste Mal vorübergehend, das zweite Mal definitiv.
Brett 6 IM Fromm – GM Maiwald 0-1
Weiß hatte eine Qualität weniger (mir nicht klar, ob bewusst geopfert) und dafür ausreichende Kompensation. Dann in erneuter Zeitnot der falsche Königszug:

46.Ke3?? Sd5+ 47.Ke4 Sb4 verliert den kompensierenden c-Freibauern ersatzlos, Weiß gab auf. 46.Kf3 oder 46.Ke1 und die weiße Welt ist weiterhin in Ordnung.
Das war eine gute Nachricht aus Dresdner (und Münchner) Sicht, die andere: Im Duell der Spieler mit der weitesten Anreise gewann GM Nisipeanu gegen GM Neiksans. Anfangs war das Turmendspiel Remis, dann nicht mehr. Im höheren Sinn lag es daran, dass Schwarz (Neiksans) aktiv wurde statt einfach nichts mehr zu tun.
Dann war da noch
Brett 5 GM Druska – IM Baum 1-0 1/2 1-0
Zunächst deutete sich hier vielleicht ein „gepflegtes“ Remis an, dann bekam Weiß zwei Türme gegen Dame und es wurde spannend.

Schon zuvor bekam Weiß Oberwasser, aber nun konnte er nach (gerade) 43.-f5?! 44.Te6! (nicht der einzige Zug für klaren Vorteil, aber so bekommt er direkten „Königsangriff“) im Prinzip den Sack zumachen. Später dann:

57.Kh4 und Weiß gewinnt – wie genau müsste man näher untersuchen, aber wir sind hier im Bereich allwissender Tablebases. Es kam 57.Kxf4?? und nun hatte Schwarz sehr viele Schachgebote. Die erneute Entscheidung dann erst ab dem 91. Zug:

Hier war 91.-Df2+? ein Schachgebot zu viel. 91.-De2+ war genauso falsch, fünf nicht Schach bietende Damenzüge sind laut Tablebase remis. Schwarz bemerkte dann vielleicht, was er angerichtet hatte und hoffte noch auf die 50 Züge Regel – Rettung im 113. Zug wenn Weiß nicht zwischenzeitlich f3-f4 spielen kann. Aber das war dann die Schlussstellung:

Schwarz gab nach zuletzt 104.T3g2 auf. Der weiße f-Bauer ist wohl wichtig – nicht weil er irgendwann marschieren könnte sondern weil er das sonst fesselnde 104.-Da8/b7/c6 verunmöglicht.
Spiel, Satz und Mannschaftsremis für beide Teams – so ist Dresden noch nicht offiziell abgestiegen.
Kurz zum „Meisterschaftskampf“
Der ist nach Wolfhagen-Viernheim 4,5-3,5 und Baden-Baden – Heimbach-Weis-Neuwied 4-4 noch nicht ganz entschieden, aber nur bei leicht anderen Ergebnissen in beiden Matches hätte es noch spannend werden können – Voraussetzung Sieg von Baden-Baden heute gegen Viernheim. Aber nun müsste Viernheim danach auch noch gegen Heimbach-Weis-Neuwied verlieren, und dann auch den dann fälligen Stichkampf gegen Baden-Baden. Das Letzte wäre denkbar, wenn Baden-Baden doch mal annähernd in nomineller Bestbesetzung antritt.
Das Liga-Orakel gibt Baden-Baden noch 0,2% Chancen auf die deutsche Meisterschaft. Bei Wolfhagen steht da „Evtl. Rückzug/Freiw. Abstieg – noch nicht rechtsverbindlich“. Es geht noch von drei regulären Absteigern aus – wie übrigens offenbar auch schachbundesliga.de im Artikel von Stefan Liebig: „Für den MSA, der noch gegen Solingen und Düsseldorf ran muss, und die Berliner, die noch gegen Bremen und Kirchweyhe spielen, geht es in den letzten Runden um alles und vor allem darum, die zwei Punkte auf Heimbach-Weis-Neuwied, dass noch gegen Viernheim und Wolfhagen spielt, aufzuholen.“ Der Schachbund weiß mehr als schachbundesliga.de bzw. legt sich da fest, auch wenn es „noch nicht rechtsverbindlich“ ist?
Mein „Wie geht es weiter?“ (für diese Teams) mal unter der Annahme, dass Wolfhagen sich tatsächlich aus der Bundesliga verabschiedet:
„Wie geht es weiter?“
Zu deutlich mehr als 50% entscheiden Brettpunkte über den Klassenerhalt – beim Abstieg gibt es einen Stichkampf nur bei Gleichstand nach Mannschafts- und Brettpunkten, auch das könnte noch passieren. Die verbleibenden Gegner sind bereits genannt. Momentan hat Zugzwang 1,5 Brettpunkte Vorsprung auf Berlin. Heute können sie diesen Vorsprung vielleicht ausbauen, da Kirchweyhe (heutiger Gegner der Berliner Schachfreunde) in Bestbesetzung antritt und Solingen nicht.
Vielleicht wird es wieder dramatisch. Ich weiß auch nicht, wie viel Zeit Gerald Hertneck (hat sich wieder selbst nicht aufgestellt) für Blicke auf das Match Berlin-Kirchweyhe ver(sch)wenden wird. Auch nicht, ob er die Entscheidung gestern bei Berlin-Dresden noch im Turniersaal mitbekommen hatte oder diesen bereits verlassen hatte. Ich veröffentliche das nun mal noch kurz vor Beginn der vorletzten Runde der Schachbundesliga.
Danke für den gelungenen Bericht!