Photo: Brunthaler
DSB Vizepräsident Jannik Kiesel hat den Gleichstellungsbericht des DSB 2026 veröffentlicht und in einem Interview (DSB News 20.4.) dazu Stellung genommen. Als „klares strategisches Ziel“ nennt er 16.000 weibliche Mitglieder. Der derzeitige Anteil ist 10.043 (10,18%) gegenüber männlich 88.643 (89,21%). Ich habe einige Punkte herausgegriffen, die ich interessant fand, aber natürlich muss sich jeder selbst ein Bild machen und den Bericht studieren. Dieser ist technisch sauber gemacht und zeigt eine Reihe informativer Grafiken. Sie vermitteln interessante Informationen. Allerdings gibt es auch Punkte, die eher nicht ganz korrekt sind bzw. führen zu Schlüssen, die kritisch zu betrachten sind.
Schon in der Einführung heißt es:
„Ein Frauenanteil mit insgesamt knapp über 10 % ist im internationalen Vergleich sehr gering.“
Das dürfte im Vergleich mit Körpersportarten stimmen, nicht aber im Bereich der FIDE, wo der Frauenanteil im Durchschnitt bei ca. 10% nicht höher liegt; nur bei einigen wenigen Länder ist er signifikant höher.
Interessant ist:
„Bereits bei der Betrachtung der Datenbasis fällt auf, dass ein erheblicher Anteil der Mitglieder keine Leistungszahl besitzt. Fast die Hälfte aller weiblichen Mitglieder verfügt über keine DWZ, während dies bei den männlichen Mitgliedern nur auf etwa ein Viertel zutrifft
Bei der Analyse der Personen mit vorhandener Leistungszahl zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die durchschnittliche DWZ der Männer beträgt 1537, während die durchschnittliche DWZ der Frauen bei 1308 liegt. Insgesamt ergibt sich über alle Personen mit vorhandener DWZ hinweg ein Durchschnittswert von 1520. Die Verteilung der Leistungszahlen verdeutlicht, dass Männer im Durchschnitt höhere Spielstärken aufweisen als Frauen. Während sich die DWZ-Werte der Frauen überwiegend relativ gleichmäßig im Bereich zwischen etwa 700 und 1700 DWZ verteilen, zeigt sich bei den Männern ein deutlicher Schwerpunkt im Bereich um etwa 1600 DWZ, in dem die höchste Dichte erreicht wird.“
Das Gender Gap in der sportlichen Leistung wird also wieder einmal bestätigt. Und es zeigt sich, dass der 10% Anteil von Mädchen und Frauen nur zur Hälfte mit aktiver Partizipation am Spielgeschehen verbunden ist. In Deutschland werden nahezu alle Turniere DWZ gewertet und keine zu erhalten lässt diesen Schluss zu.
„Die Daten der Jahre 2000 bis 2024 zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern: Der Prozess des Ausscheidens aus den Vereinen beginnt bei Mädchen signifikant früher als bei ihren männlichen Altersgenossen.
• Frühzeitiger Drop-Out bei Mädchen: Während der Saldo aus An- und Abmeldungen bei Jungen erst ab einem Alter von 13 Jahren negativ wird, verzeichnen wir bei Mädchen bereits ab dem 11. Lebensjahr erstmals mehr Vereinsaustritte als Neueintritte.
• Eintritts- vs. Austrittsalter: Die Analyse der Anmeldekurve verdeutlicht, dass wir Mädchen erfolgreich für das Schachspiel begeistern können – die meisten Eintritte erfolgen im Alter von 8 Jahren. Dennoch gelingt es uns bisher nicht, diese Begeisterung über die Pubertät hinaus zu verstetigen, da die Austrittszahlen bereits mit 11 Jahren ihren Peak erreichen.
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass das Zeitfenster zwischen dem 8. und 11. Lebensjahr die kritische Phase darstellt, in der gezielte Bindungsmaßnahmen greifen müssen. Um das Zielbild einer langfristigen Teilhabe von Frauen zu erreichen, ist es essenziell, Strategien zu entwickeln, die den Verbleib von Mädchen im Verein über das elfte Lebensjahr hinaus sichern.“
Treten die Mädchen tatsächlich aus Schachbegeisterung selbständig mit 8 Jahren in den Verein ein? Möglicherweise wird hier einiges nicht berücksichtigt. Kinder werden oft zum Sportverein von Eltern mitgenommen (einige hundert sogar schon im Kleinkind-Alter angemeldet, wie die Statistik zeigt), interessieren sich jedoch nur mäßig oder vorübergehend für den Sport und werden nach einer Weile wieder abgemeldet. Manche Eltern bringen ihr Kind auch in einen Schachverein, weil sie sich positive Entwicklungen erhoffen wie ruhiger werden, Disziplin / verlieren lernen usw. Ist das Ziel erreicht oder auch nicht ist ein Vereinsverbleib nicht länger nötig, eventuell auch zu aufwendig (Kind hinbringen / abholen, am Spielort warten etc.).
Außerdem sind viele Mädchen auch einfach nur Mitglieder in einer Jugendgruppe, die außerhalb derer nicht schach-aktiv sind und die Gruppe nach einer Weile wieder verlassen.
Und ein Punkt, auf den ich immer wieder hinweise, der aber nie aufgegriffen wird:
Wenn Mädchen deutlich schwächer spielen als Jungs dürfte das ihre Motivation, aktiv im Verein mitzuspielen, deutlich dämpfen. Wer verliert schon gerne dauernd?
Welche „Bindungsmaßnahme“ kann der normale Schachverein aufbieten, um kleine Girls, die oft nur mäßig schachinteressiert sind, zu halten – und wenn ja, für wie lange?
Im Bericht wird der Mangel an weiblichen Trainern und Schiedsrichtern beklagt:
„ Von den insgesamt 2.874 lizenzierten Trainerinnen und Trainern im Deutschen Schachbund sind 2.484 männlich (86,43 %) und lediglich 248 weiblich (8,63 %). Für 142 Personen (4,94 %) liegen keine Angaben zum Geschlecht vor. Betrachtet man bereinigte Zahlen und schließt die Kategorie „Ohne Angabe“ aus, ergibt sich ein Anteil von 90,92 % männlichen gegenüber nur 9,08 % weiblichen Trainern. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Frauen verstärkt für die Trainerlaufbahn zu motivieren, um auch als Vorbilder für den weiblichen Nachwuchs zu fungieren.“
Zunächst einmal ist anzumerken, dass wie oben gesehen der Frauenanteil sich zur Hälfte aus inaktiven und zu einem Großteil aus sehr jungen Mitgliedern zusammensetzt. Daran gemessen ist ein 9%iger Anteil von Trainerinnen bereits überproportional. Und da man den C-Schein erst mit 16 Jahren erhalten kann, reduziert sich die Zahl der möglichen Kandidatinnen noch weiter.
Zudem setzt eine Trainertätigkeit auch eine gewisse Spielstärke voraus. Das deutlich geringere Niveau bei den Frauen reduziert ebenfalls ihre Möglichkeit, als Trainerin tätig zu werden.
Ähnlich ist es bei Schiedsrichterinnen:
„ Auch im Schiedsrichterwesen bestehen erhebliche prozentuale Unterschiede in der Geschlechterverteilung. Von den insgesamt 2.071 Schiedsrichterlizenzen sind lediglich 195 auf weibliche Schiedsrichterinnen ausgestellt, was einem Gesamtanteil von 9,42 % entspricht.“ …
„ Auf der internationalen Ebene setzt sich dieses Bild fort: Bei den FIDE-Arbitern (FA) liegt der weibliche Anteil bei 7,04 % und bei den Internationalen Arbitern (IA) bei 9,26 %.„
Wie schon zuvor gezeigt muss man hier die Zusammensetzung des Frauenanteils berücksichtigen. Wieder ist der Anteil, gemessen an diesem, sogar überproportional. Für Titel wie FIDE Arbiter oder International Arbiter ist zudem eigene Spielerfahrung und eine gehobene Spielstärke nötig. Wer würde schon einen IA mit Elo 1400 ernst nehmen?
Der Bericht gibt als Weg zum strategischen Ziel 16.000 diverse Förderaktionen an, so das „10.000 € Projekt“ oder den „Mädchen Schach Super Tuesday“ (einmal pro Monat ein Internet-Training für 12jährige, derzeit ca. 70 Teilnehmerinnen) sowie den regelmäßigen Frauenschach-Newsletter.
Nun ja, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
In der Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse des „10.000 € Projekt“ www.schachfeld.de/attachment.php?attachmentid=19891&d=1772865670
heißt es aber:
„Um etwas zu ändern, brauchen wir eine Situation, in der die Mehrheit der Vereine Mädchen und Frauen will.“
Und:
„Die Basisarbeit machen die Vereine, Wirkung von Veranstaltungen auf Bundesebene würden versickern.“
(Letztere werden im Gleichstellungsbericht allerdings als Schritt zur Problemlösung genannt?!)
Die Vereine werden also in die Pflicht genommen, eine negative Einstellung (s. Zitat von Jörg Schulz) pauschal unterstellt. Die in den Ergebnissen des Projekts genannten Schritte und Maßnahmen sind kleinteilig, wirken hilf- und ratlos. Das Hervorheben negativer Einzelfälle lädt auch nicht ein, Aktionen zum Mädchenschach zu starten.
Was mich wieder einmal befremdet ist, dass erneut Trainingsmaßnahmen für Mädchen ab u8 gar nicht berücksichtigt werden. Solche wären ein Schritt, sie möglicherweise länger – und einige dauerhaft – im Verein zu halten. Für Spielerinnen unter DWZ 1000 hat der Verein meist wenig zu bieten, was ihnen den Ausstieg naheliegend macht. Die Analyse der Leistungen in der DEM u8w zeigt, dass hier viel zu tun wäre – und die jungen ukrainischen Spielerinnen zeigen, dass das möglich sein sollte!