GM Hertneck nachdenklich. Photo: Franz
Irgendwas ist faul im Staate Dänemark, dachte ich mir, als vor kurzem die Teilnahmeliste des Kandidatenturniers der Männer auf dem Schachgipfel in Dresden veröffentlicht wurde. An der Spitze drei Großmeister, gefolgt von einem IM und unzähligen FIDE-Meistern bei insgesamt 34 Teilnehmern. Moment mal, FIDE-Meister, ist das nicht ein eher nachrangiger Titel im Schach? Wo bleiben die vielen Großmeister und Internationalen Meister die wir in Deutschland haben? Allein bei den Großmeistern haben wir etwa 100 und bei den Internationalen Meistern sogar 300. Wir sprechen also in Summe von etwa 400 starken Titelträgern, die in Dresden im Kandidatenturnier spielen könnten, und tatsächlich sind es 4. In Worten: vier. Oder relativ gesehen: 1 Prozent. Nur jeder hundertste ist daran interessiert, das Turnier zu spielen! Wieso ist das so?
Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass es ja noch die Meisterklasse gibt, in der die stärksten Spieler antreten, da kommen noch mal 7 Großmeister und 2 Internationale Meister hinzu. Nun ja, dann sind es in Summe 10 Großmeister (jeder zehnte deutsche) und 3 Internationale Meister (jeder hundertste deutsche).
Beide Turniere sind übrigens Einladungs- oder Qualifikationsturniere, und an dem Punkt wird die Sache etwas schwierig.
In der Meisterklasse spielen 7 nominierte GM, der beste Nachwuchsspieler und zwei Qualifikanten aus dem Vorjahr. In der Regel sind das nur Kaderspieler, bis auf die Qualifikanten.
Im Kandidatenturnier spielen die Qualifikanten aus den Meisterschaften der Landesverbände ergänzt durch Freiplätze, die vom Bundesturnierdirektor vergeben werden.
Ich erinnere mich an eine Einladung des Bundesturnierdirektors vor ein paar Jahren, als ich noch Referent für Leistungssport war. In dem Termin ging es um die Frage, wie man die Attraktivität der Deutschen Meisterschaften (und speziell des Kandidatenturniers) steigern könnte. In diesem Termin machte ich den Vorschlag, mehr Freiplätze für Großmeister zu vergeben. Ehrlich gesagt war ich zuversichtlich, dass sich die Lage damit bessern würde. Doch genau dies trat nicht ein! Denn womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: entweder macht der DSB nicht aktiv Werbung für Freiplätze oder das Angebot ist nicht attraktiv genug für Großmeister oder Titelträger allgemein.
Untersuchen wir nun die Gründe für diese Misere. Ich denke, hier kommt eine bunte Mischung zusammen:
1. Die Teilnahme an Landesmeisterschaften, also der Weg über die Qualifikation, ist für GM und IM in der Regel unattraktiv. Die Turniere dauern eine Woche, sind oft recht dezentral gelegen, haben in der Regel schlechtes Preisgeld (außer in Berlin, wo Ex-Präsident Paul für eine deutliche Erhöhung gesorgt hat), und man muss sich ja eigentlich als Titelträger nicht mehr beweisen. Im Gegenteil besteht noch das Risiko, dass man schlecht abschneidet, und sich blamiert. Dies ist aus meiner Sicht der Grund, weshalb so viele FM im Kandidatenturnier antreten: die GM und IM haben dankend verzichtet.
2. Der DSB macht offensichtlich keine aktive Werbung für die Teilnahme von GM und IM am Kandidatenturnier. Ich kann nicht ganz verstehen, wieso, aber ich lasse es mir gerne von den Verantwortlichen erklären. Eins ist allerdings sicher, das Turnier kostet schnell 1.000 Euro für eine Woche, und diese Kosten übernimmt der DSB für die Freiplätze nicht! Das bedeutet die GM und IM sind sogenannte Selbstzahler. Das schmeckt natürlich nicht jedem. Und wenn man berufstätig ist, muss man natürlich eine Woche Urlaub nehmen (was ich gerne in Kauf genommen habe).
3. Freiplätze zum Kandidatenturnier werden nicht unbegrenzt vergeben, und sie müssen genehmigt werden. Beides ist an und für sich in Ordnung. Eine Deutsche Meisterschaft ist kein offenes Turnier, und daher kann sich nicht jeder frei anmelden. Aber da die Nachfrage heuer offensichtlich nicht so groß war, wären ja noch ein paar Plätze frei. Wieso werden die offenen Freiplätze zwei Wochen vor Turnierstart nicht gefüllt? Es wäre doch super, wenn mehr starke Spieler bei der „Deutschen“ mitspielen würden! Ein Beitrag auf der Homepage würde genügen.
4. Sind der Turnierort oder die Rahmenbedingungen unattraktiv ? In keinster Weise! Im schönen Dresden direkt an der Elbe wird im Kongresshaus gespielt. Der Deutsche Schachbund bietet ganz viele attraktive Turniere parallel an, dazu gibt es noch ein attraktives Rahmenprogramm. Das Turnier findet noch dazu mitten im Sommer statt. Schachherz, was willst du mehr?
5. Das liebe Geld. Auf der Suche nach dem eigentlichen Grund der GM- und IM-Abstinenz kommen wir bei der Kosten-Nutzen-Relation und vor allem den Preisgeldern an, die im Kandidatenturnier wie folgt ausgeschrieben sind:
1. Preis 2.000 €
2. Preis 1.500 €
3. Preis 1.000 €
4. Preis 800 €
5. Preis 600 €
6. Preis 500 €
7. Preis 350 €
8. Preis 250 €
Das sind 7.000 Euro in Summe, wobeies denselben Preisfonds es auch beim Kandidatenturnier der Frauen gibt, also bringt der DSB hier 14.000 Euro auf. In der Meisterklasse der Männer sind es deutlich mehr:
1. Preis 5.000 €
2. Preis 3.000 €
3. Preis 2.000 €
4. Preis 1.500 €
5. Preis 1.250 €
6. Preis 1.000 €
7. Preis 800 €
8. Preis 700 €
9. Preis 600 €
10. Preis 500 €
In Summe sind es hier 16.350 Euro
In der Meisterklasse der Frauen wird übrigens etwas weniger Geld ausgeschüttet:
1. Preis 3.200 €
2. Preis 2.200 €
3. Preis 1.100 €
4. Preis 1.000 €
5. Preis 900 €
6. Preis 800 €
7. Preis 700 €
8. Preis 600 €
9. Preis 500 €
10. Preis 400 €
Hier sind es in Summe 11.400 Euro
Für alle vier deutschen Meisterschaften zusammen sind es dann gut 40.000 Euro Preisgeld, dazu kommen noch Blitzmeisterschaft, Rapidmeisterschaft und Seniorenmeisterschaften. Das ist nicht schlecht, aber ehrlich gesagt auch nicht gut, denn die Mittel verteilen sich auf viele Köpfe (in dem Fall 36). Wir reden ja hier über Spitzenspieler, von denen einige sogar Profis sind.
In der Gesamtbewertung denke ich, die Meisterturniere sind nach wie vor attraktiv ausgestattet, zumal auch die Kosten komplett vom DSB (bzw. von den Sponsoren) getragen werden. In den Kandidatenturnieren werden die Kosten der Qualifikanten von den Landesverbänden getragen, und nur die Freiplätze sind wie gesagt Selbstzahler. Nun müsste der Selbstzahler also mindestens unter die besten drei kommen, um seine Kosten wieder reinzuholen.
Mir ist schon klar, dass man eine Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft nicht nur unter finanziellen Aspekten betrachten sollte, und so ist es bei mir definitiv auch! Ganz im Gegenteil, mich zieht die Deutsche Meisterschaft auf dem Schachgipfel in Dresden stark an, und ich freue mich unglaublich, dort zu spielen. Aber trotzdem muss die Frage erlaubt sein, die eingangs gestellt wurde: wieso nehmen so wenige Großmeister und Internationale Meister am Kandidatenturnier teil? Was ist der entscheidende Grund? Wirklich nur das Geld? Versteht mich recht, ich will das Turnier nicht schlecht reden, aber ich frage mich, wie kann man es wirklich schaffen, die Kandidatentuniere schachlich aufzuwerten?
Im Kandidatenturnier der Frauen ist die Beteiligung qualitativ wie quantitativ übrigens noch deutlich schwächer, aber das ist ein Thema für sich, das an anderer Stelle diskutiert werden müsste.