Ich greife ein Thema auf, das sich beiläufig zum Beitrag „Analyse der Auswirkungen des Zeitmodus „Fast Classic“ bei der Jugend-WM“ von Markus Schirmbeck, Schachkicker vom 22.10., ergab und das ich, da es von Interesse für manchen Trainerkollegen sein könnte, gesondert behandeln möchte.
Markus schrieb: „Bei der WM waren die Kinder, mit denen ich mich ausgetauscht habe, nach den ersten drei Tagen total ausgelaugt – selbst die, die eigentlich nie genug vom Schach bekommen konnten.“
Es wurde bei der WM u7-u17 mit 11 Runden in 7 Tagen (1 Ruhetag dabei) gespielt, also durchweg Doppelrunden mit 45 min. + 30 s. Die Partiedauer ist deutlich kürzer als üblich, meist deutlich weniger als 3 Stunden, der Stresslevel aber deutlich höher.
Es ist klar, dass die Kondition eine wesentliche Rolle im Turnierschach spielt. Schon bei meiner Untersuchung zur den DEMs u8/u8w fand ich, dass die Kids in den letzten Runden schwächer spielten, die Jugend ein wenig, bei den Mädchen dagegen stieg die Fehlerzahl beträchtlich. Die Frage ist, ob es körperlich, psychisch oder dadurch bedingt war, dass die Boys deutlich mehr Spielstärke und Schachwissen besaßen (Gender Gap Junior, J?). Wer mehr weiß braucht weniger zu rechnen, gewinnt an Sicherheit.
Während man Talent oder Kreativität durch Training nur mäßig beeinflussen kann, lässt sich aber Kondition leicht verbessern, was allerdings anstrengend ist. Es gibt hauptsächlich zwei Wege, nämlich durch das Spiel und / oder durch gezieltes Training.
Wer überwiegend gegen stärkere Gegner spielt, wird mehr gefordert, analysiert oft mit diesen länger / intensiver und gewinnt so an Kondition. Open mit 7 Runden in 4 Tagen sind ebenfalls empfehlenswert. Bei den erfolgreichsten Mädchen sehen wir, dass sie oft schon früh solche spielten. Die Europameisterin u8g Stella Zhu (FIN) tat dies schon ab dem 6.Lebensjahr, verlor anfangs fast alles, hielt aber durch. Ältere / stärkere Spielerinnen wählen Turniere wie z.B. das Schachfestival Brcko (Bosnien), was auch möglich macht, zwei Turniere oder sogar 3 IM-Rundenturniere.
Der andere Weg, auf allen Ebenen praktikabel, ist ein gezieltes Training („deliberate practice“), dass die Belastung für die Kids über längere Zeit hoch hält. Die meisten werden jetzt an das Lösen von Taktikaufgaben denken, was gut aber etwas einseitig ist. Man kann den Stress dabei erhöhen, indem man die Methode des „Cooper Trainings“ als Wettbewerb wählt. Man setzt z.B. 2 Stunden an, in denen der Spieler soviele Aufgaben wie möglich lösen soll.
Persönlich bevorzuge ich die Methode, die Kids gegen einen stärkeren Gegner über mehrere Stunden nonstop spielen zu lassen. Das können abwechselnde Gegner sein oder im Rahmen eines Non-Stop Simultan oder Handicap mit 2-3 Spielern erfolgen. Fehler können zurückgesetzt werden, besprochen oder auch allgemeine Hinweise gegeben werden. Die ständige Notwendigkeit, konzentriert zu bleiben, auf Fragen zu reagieren / sich erklären zu müssen, generiert ein Anspannungslevel, das die Fähigkeit steigert, über einen langen Zeitraum konzentriert denken zu können. Das ist zugleich ein wichtiger Transfer zum praktischen Leben und ist nützlich in Ausbildung oder Beruf.
Diese Methode lässt sich auf allen Ebenen praktizieren (setzt allerdings einen jeweils entsprechend qualifizierten Trainer voraus). Natürlich lassen sich verschiedene Trainingsformate mischen und es gibt auch andere Methoden. Wichtig ist, dass Konditionstraining stattfindet, was wohl nicht überall der Fall ist. Besonders für eingefleischte Zeitnöter ist Konditionstraining wichtig, da sie üblicherweise länger spielen / mehr Stress ausgesetzt sind, ihre Kalkulationsfähigkeit gerade am Ende hoch bleiben muss.