Nachdenklicher Chronist des DSB. Symbolbild: Gemini KI
Liebe Schachfreunde, wer die Nachrichten der letzten 12 Monate zum Deutschen Schachbund verfolgt hat, oder gar selbst in der Organisation mitwirkte, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Verband aktuell in seiner größten Krise seit Jahrzehnten ist.
Im folgenden wird der Versuch unternommen, die Ereignisse kurz darzustellen, und im Zeitablauf einzuordnen, und zwar anhand von Beiträgen, die auf dieser Seite erschienen sind.
Aus unserer Sicht begann die Krise mit der Gegenkandidatur von Paul Meyer-Dunker auf dem Kongress in Paderborn im Mai 2025 gegen die amtierende Präsidentin Ingrid Lauterbach.
Diese Kandidatur scheiterte ziemlich knapp, und es war damals schon klar, dass die Delegierten in zwei Lager gespalten waren. Wer gedacht hätte, dass damit die Lage befriedet worden wäre, irrte sich gewaltig, denn es brodelte weiter.
Als nächstes stand der Hauptausschuss im Oktober 2025 in Hofgeismar an, von dem es übrigens bis heute kein Protokoll gibt. In dieser Sitzung reichten fünf Landesverbände (Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Bayern, Thüringen) einen Antrag für einen außerordentlichen Verbandstag ein – mit dem Ziel der Abwahl des Präsidiums und gleichzeitiger Neuwahlen.
Diesen Antrag nahm das Präsidium nicht gut auf, und es kam schließlich durch Vermittlung der Emanuel Lasker Gesellschaft zwischen den verfeindeten Lagern in Berlin zu einer schriftlichen Einigung, dass der Kongress mit Neuwahlen in den August 2026 verschoben werden sollte, und es beim Hauptausschuss im Mai (ohne Neuwahlen) bleiben sollte.
Im Februar 2026 folgte dann ein zweiter „Abwahlantrag“, diesmal unterzeichnet von 9 Landesverbänden. Über den Bundesrechtsberater wurde daraufhin ein Gutachten erstellt, mit dem Tenor, dass das Vorziehen einer Sitzung nach Satzung nicht zulässig sei, wenn innerhalb von 6 Monaten bereits ein Termin für den Kongress angesetzt war, was tatsächlich das Fall war und auch plausibel klang.
Nun wurden die Landesverbände wiederum aktiv, und riefen das Schiedsgericht des DSB an, wonach dem Antrag gemäß übergeordnetem Recht, also dem Bürgerlichem Gesetzbuch im Interesse des Minderheitenschutzes stattzugeben sei, und dies wurde vom Schiedsgericht auch einstimmig so entschieden, mit dem Ergebnis, dass nun doch im Mai nun doch ein außerordentlicher Kongress angesetzt wurde. Für diesen Kongress beantragte der Vorsitzende des Badischen Schachverbands Dr. Christoph Mährlein die Abwahl des kompletten Präsidiums und auch des Bundesrechtsberaters (aufgrund des vermeintlichen Gefälligkeitsgutachtens).
Zwischendurch traten auch noch der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des DSB, Matthias Wolf und der Vizepräsident Finanzen, Alexander von Gleich nach Differenzen mit dem Präsdium zurück bzw. kündigten ihren Arbeitsvertrag. Sie sahen sich in ihrer Arbeit beschnitten und gegängelt, um es auf gut deutsch zu sagen.
Einziger Lichtblick in diesem Zeitraum war, dass es gelang in der Geschäftsstelle in Berlin mit Carsten Schmitt einen Nachfolger für die gekündigte Geschäftsführerin Dr. Anja Gering zu finden. Eine Kündigung, die nach dem vorliegenden Finanzbericht zu Mehrkosten von rund 100.000 Euro führte, aber gleichfalls als alternativlos angesehen wurde. Sie endete übrigens mit einem Vergleich vor dem Arbeitsgericht.
Wer gedacht hätte, dass sich die Lage nunmehr beruhigen würde, täuschte sich abermals. Unerwartet trat ein „weißer Ritter“ auf den Plan, und zwar der ehemalige Bahnchef Dr. Richard Lutz, in seiner Jugend selbst ein starker Schachspieler, der als Präsident kandidieren wollte, und hierfür ein Team aufstellte.
Jedoch nicht ohne zuvor bei den Landesverbänden zu sondieren, ob es für ihn und sein Team eine Mehrheit bei der Abstimmung auf dem außerordentlichen Kongress am 16. Mai in Frankfurt geben würde. Zum Entsetzen vieler prominenter Schachfans in Deutschland, die die Kandidatur von Lutz unterstützt haben, war dies nicht bzw. nur zum Teil der Fall. Oder anders formuliert, für zwei Kandidaten gab es keine klare Mehrheit, sondern man sah die Wahrscheinlichkeit der Wahl bei etwa 50%. Unter diesen Umständen einigte sich das Team geschlossen darauf, nicht zur Wahl anzutreten.
Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass beim Deutschen Schachbund in den letzten 12 Monaten so viel Porzellan zerschlagen wurde, wie noch nie. Und vor allem, dass völlig unklar ist, wie es nun weitergeht, also unter welcher Führung der Verband künftig steht. Und ob sich noch alles zum Guten wendet oder nicht.
- Wird das bestehende Präsidium weiter im Amt bleiben, ggf. nach vorheriger Abwahl und durch Neuwahl? Möglich, aber wir erinnern uns, dass 9 Verbände einen Kongress mit Neuwahlen gefordert haben, in der festen Absicht, gegen die Amtsinhaber zu stimmen.
- Wird das Team Lutz seine Position überdenken, und doch noch zur Wahl antreten? Keinesfalls, denn die negativen Reaktionen auf die Kandidatur haben gezeigt, dass der Schachbund in seiner jetzigen Struktur nicht bereit dafür ist.
- Wird sich vielleicht ein Kompromisskandidat zur Wahl stellen? Dies halten wir tatsächlich für möglich! Dann muss er oder sie aber bei den völlig zerstrittenen Delegierten konsensfähig sein. Vielleicht auch nur als Übergangspräsident, wer weiß.
- Oder wird sich die Versammlung so zerstreiten, dass überhaupt kein Präsidium gewählt wird? In diesem Fall müsste wohl unverzüglich ein Folgekongress angesetzt werden, und ein neues Team gesucht werden. Dies wäre wohl die schlechteste Lösung von allen, und sollte keinesfalls eintreten!
Will denn überhaupt noch jemand für so einen zerstrittenen Verband kandieren, diese Frage muss man sich inzwischen stellen.
Mit großem Bedauern und großer Sorge haben wir diese Entwicklung zur Kenntnis genommen, und zum Teil auch als persönlich Betroffener verfolgt. Unser Eindruck lautet, dass neben der offensichtlichen Spaltung in ein pro-Lauterbach-Lager und ein contra-Lauterbach-Lager einigen Delegierten immer noch nicht bewusst ist, wie viel auf dem Spiel steht, nämlich nicht mehr und nicht weniger die Zukunft des Deutschen Schachbunds!
Ganz zum Schluss möchten wir zum Abschluss dieses Beitrags unsere persönliche Meinung einfließen lassen.
1. Mit der mangelnden Unterstützung der Kandidatur des Teams Lutz wurde eine große Chance vertan, und dafür müssen sich vor allem die Landesverbände aus NRW und aus Bayern innerlich rechtfertigen. Nun, wenn ein Neuanfang im DSB mit Herrn Chadt-Rausch (Landesvorsitzender NRW) und Herrn Thorn (Landesvorsitzender Bayern) nicht möglich ist, dann vielleicht ohne sie, indem sie erkennen, dass sie Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind. Natürlich sollte auch ihnen Gelegenheit zum Rücktritt gegeben werden!
2. In dem ganzen Konflikt wurden inzwischen so viele Personen (sowohl Ehrenamtliche als auch hauptamtliche Mitarbeiter) beschädigt, dass man die Namen der Betroffenen kaum noch aufzählen kann (zum Teil stehen sie weiter oben in diesem Bericht, aber keinesfalls vollständig!).
3. Die Amtsinhaber Ingrid Lauterbach, Prof. Dr. Jürgen Klüners und Jannik Kiesel haben aus unserer Sicht die starke Ablehnung, die ihnen von einigen Landesverbänden entgegenschlägt, nicht verdient! Es ist offensichtlich, dass man es nicht immer allen recht machen kann, aber das darf auch nicht der Maßstab für Wahlen sein, sondern die Gesamtleistung muss betrachtet werden. Umgekehrt ist unbestritten, dass alle drei hervorragende ehrenamtliche Arbeit geleistet haben, die zum Teil weit über das hinausgeht, was man in ehrenamtlicher Tätigkeit erwarten kann. Allerdings muss man gerade der Präsidentin eine gewisse Sturheit attestieren, die es nicht erleichtert, Kompromisse zu schließen, und eben an dem Punkt entzündet sich die Kritik der Opposition, die wir durchaus nachvollziehen können.
4. Persönliche Befindlichkeiten werden leider über Sachfragen gestellt. Ein Beispiel: wenn der Bundesrechtsberater Strobl ein Gutachten erstellt, dass gemäß Satzung einem Antrag nicht Folge geleistet werden kann, dann ist das aus unserer Sicht kein ehrenrühriger Vorgang, auch wenn dieses Gutachten später vom Schiedsgericht wieder aufgehoben wird. Ein Abwahlantrag des Bundesrechtsberaters schießt daher weit über das Ziel hinaus! Und wenn Herrn Chadt-Rausch oder Herrn Thorn die Nase von einem Kandidaten nicht gefällt, ohne schlüssige Sachargumente dafür vorzutragen, dann ist das ein falsches Amtsverständnis!
5. Am Rande sei noch erwähnt, dass die Stimmung im Deutschen Schachbund inzwischen so vergiftet ist, dass sogar Klagen im Raum stehen, was aber nur Insidern bekannt ist.
Das Ergebnis einer Wahl sollte akzeptiert werden. Das ist doch schon das grundsätzliche Problem, wenn das nicht der Fall ist.
Einige Landesverbände haben einen außerordentlichen Kongress erzwungen, damit jedes einzelne Präsidiumsmitglied abgewählt wird. Gründe wurden nicht genannt. Laut den Anträgen sollen die nachgereicht werden. Ein Unding!
Die Mehrheitsverhältnisse dürften unsicher sein. Bevor ein neues Präsidium gewählt werden kann, müssten die Abwählanträge erst einmal durchgehen.
Die Satzung des DSB machte ja einen Sinn. Wenn schon ein Kongress geplant war, musste man den nicht unbedingt vorziehen. Mir kam einzig die 6-Monatsfrist ziemlich hoch vor. Mit der verkürzten Frist bricht nun das Chaos aus. Dass die Formulierung in der Satzung laut Schiedsgericht nicht den gesetzlichen Anforderungen entspricht, interessiert auch niemanden. Jedenfalls ist keine Anpassung der Satzung beantragt.
Ich sehe jetzt die Landesverbände in der Verantwortung, die die momentane Lage herbeigeführt haben. Das sind die, denen der außerordentliche Kongress nicht früh genug angesetzt werden konnte. Wenn die das Problem nicht lösen können, sollte es dann doch erst einmal Konsequenzen in diesen Landesverbänden haben.
Lieber Uwe, es verhält sich natürlich so, dass die Landesverbände auch ihre Gründe haben, jemanden zu wählen oder nicht zu wählen. Bloß wenn das dazu führt, dass kaum noch ein Präsidium gewählt werden kann, dann ist definitiv was schief gelaufen! Und wenn ein Team, das mit großer Kompetenz an den Start gehen würde, keine Mehrheit findet, dann finde ich das auch problematisch. Aber wie dem auch sein, unsere Kandidatur ist jetzt Geschichte, und so eine Chance wird sich nicht so schnell wieder bieten. Und wenn jetzt auch noch das alte Präsidium abgewählt werden sollte, dann ist das Chaos aus meiner Sicht komplett.
Ich wiederhole mich: mit Entsetzen haben viele prominente Schachfreunde auf die aktuellen Vorgänge beim DSB reagiert (die internen Mails liegen mir vor). Es wird jetzt noch einige Krisensitzungen beim DSB geben, da bin ich mir sicher!
Die Kandidatur des Teams könnte sich erst bei der kompletten Abwahl des bisherigen Präsidiums ergeben. Die Wahrscheinlichkeit ist doch gar nicht so klein, dass zumindest nicht alle Präsidiumsmitglieder abgewählt werden. Das hätte das Team dann aber gesprengt.
Ich habe zu meinem Erstaunen festgestellt, dass auf dem letzten Kongress Ämter unbesetzt geblieben sind, weil der einzige Kandidat bei der Wahl nicht die erforderliche Mehrheit erhalten hat. Offenbar hat man keine Skrupel, dass dies auch für Posten im Präsidium gilt. Wenn signalisiert wird, dass jemand bei der Kandidatur für einen Posten im Präsidium nicht die Mehrheit der Stimmen erhält, auch wenn er der einzige Kandidat ist, dann läuft ja wohl so ziemlich alles falsch.
Wenn persönliche Befindlichkeiten die entscheidende Rolle spielen, dann wird es nie eine Lösung geben. In den Perlen vom Bodensee stand ja: „In Bayern nimmt man Hertneck krumm, dass er die Deutsche Meisterschaft 2025 in München mitorganisiert hat – bei der der Bayerische Schachbund außen vor blieb, ja, nicht einmal davon wusste.“ Wenn das stimmt, dann sollte der Präsident des Bayerischen Schachbunds selbst hinterfragen und schnellstmöglich zurücktreten.
Eine Erneuerung kann nicht allein von oben kommen, die muss auch von der Basis kommen, den Mitgliedern des DSB. Das sind die Verbände und deren handelnde Personen.
Es ist inzwischen kaum noch fassbar. Hier wird Ehrenamt offenbar mit einem persönlichen Fürstentum verwechselt. Leidtragende sind am Ende die Schachsportler in Deutschland, in deren Interesse eigentlich gehandelt werden sollte – ein Anspruch, der offenbar zunehmend verloren geht.
Wenn es möglich ist, dass einzelne Akteure den gesamten Schachsport derart blockieren, in Geiselhaft nehmen, dann zeigt das vor allem eines: Die bestehenden Strukturen sind grundlegend reformbedürftig.
Der Auszug aus dem offenen Brief von Richard Lutz (https://schachkicker.de/das-team-von-dr-richard-lutz-zieht-seine-kandidatur-auf-dem-dsb-kongress-zurueck/) macht deutlich, welche große Chance hier vertan wurde. Es gab offenbar ein Team, das verstanden hatte, wie man mit Professionalität und klarer Struktur im Sinne der Schach-Community zielorientiert arbeiten kann. Diese Perspektive hätte dem deutschen Schach dringend gutgetan.
Stattdessen bleibt ein Scherbenhaufen. Angesichts der aktuellen Situation stellt sich ernsthaft die Frage, ob ein kompletter Neuanfang, eine „grüne Wiese“, nicht konsequenter wäre. Oder ein DSB-Präsidium nicht basisdemokratisch, also von allen Schachsportlerinnen und Schachsportlern, gewählt werden sollte. Die Landes- und Fachverbände können dann gern weiterhin den Ligabetrieb organisieren, Meisterschaften ausrichten und lokal den Schachsport in allen Facetten voranbringen.
Vor allem aber: Wer soll unter all diesen machtbesessenen Voraussetzungen noch die Kraft und eigene Glaubwürdigkeit haben, die Beteiligten wieder zusammenzuführen und den entstandenen Imageschaden, dazu noch im Ehrenamt, zu beheben? Dieses Himmelfahrtskommando wird sich wohl niemand antun.